von Leo Tolstoi
(Lew Nikolajewitsch Graf
Tolstoi) Zur freien Verteilung. Das Kopieren für den privaten Gebrauch ist genehmigt. The
kingdom of god it within you (English Version) Inhaltsverzeichnis Inhalt VII. Die Bedeutung der allgemeinen
Wehrpflicht Top Die
gebildeten
Menschen der höheren Gesellschaftsklassen bemühen sich, die
immer mehr und mehr erwachende Erkenntnis der Notwendigkeit der
Veränderung der gegenwärtigen Lebensordnung zu
unterdrücken. Das Leben aber, das sich fortgesetzt in der
früheren Richtung entwickelt und verwickelt und die
Widersprüche und die Leiden der Menschen steigert, führt sie
bis zu der äußersten Grenze des Widerspruchs, über die
es nicht hinausgeht. Eine solche äußerste Grenze des
Widerspruchs, über die es nicht hinausgeht, ist die allgemeine
Wehrpflicht. Man glaubt gewöhnlich, die
allgemeine Wehrpflicht und die
mit ihr verbundenen, immer wachsenden Rüstungen und infolge dessen
immer wachsenden Steuern und Staatsschulden bei allen Völkern sei
eine zufällige Erscheinung, die aus einer bestimmten politischen
Lage Europas hervorgegangen ist und die vielleicht durch gewisse
politische Gestaltungen beseitigt werden kann ohne Veränderung der
inneren Lebensordnung. Das ist aber vollständig
falsch. Die allgemeine
Wehrpflicht ist nur der bis zur äußersten Grenze
geführte, und bei einem gewissen Grade materieller Entwicklung bis
zur Evidenz klar gewordene innere Widerspruch, der sich in die
gesellschaftliche Lebensauffassung eingeschlichen hat. Die
gesellschaftliche Lebensauffassung besteht jedoch darin, dass der Sinn
des Lebens von der Person auf die Gemeinschaft und ihre Nachfolge
übertragen wird, auf den Stamm, die Familie, das Geschlecht oder
den Staat. Nach der gesellschaftlichen
Lebensauffassung wird angenommen,
da der Sinn des Lebens in der Gemeinschaft der Persönlichkeiten
besteht, opfern die Persönlichkeiten selbst freiwillig ihre
Interessen den Interessen der Gemeinschaft. So war es auch, und so ist
es in Wirklichkeit bei gewissen Formen der Gemeinschaft: in der Familie
oder im Stamme, gleichviel, was vorher gewesen ist, aber auch im
Geschlecht und sogar im patriarchalischen Staate. Infolge der
Gewohnheit, die durch die Erziehung überliefert und durch die
Einprägung religiöser Grundsätze befestigt wird, haben
die Personen ohne Zwang ihre Interessen mit den Interessen der
Gemeinschaft vereinigt und haben die ihrigen für die Allgemeinheit
geopfert. Je komplizierter aber die
Gesellschaften wurden, je
größer sie wurden, je häufiger besonders Eroberungen
die Ursachen der Vereinigung von Menschen zu Gesellschaften wurden,
desto häufiger streben die Personen, zum Schaden des Allgemeinen,
nach der Erreichung ihrer eigenen Ziele, und desto häufiger wurde
zur Einschränkung dieser unfügsamen Personen die Anwendung
der Macht, d.h. die Gewalt, notwendig. Die Verteidiger der
gesellschaftlichen Lebensauffassung bemühen sich gewöhnlich,
den Begriff der Macht, das heisst der Gewalt, mit dem Begriff des
geistigen Einflusses zu vermischen, aber diese Vermischung ist durchaus
unmöglich. Geistiger Einfluss ist eine
solche Einwirkung auf den
Menschen, infolge deren sich die Wünsche des Menschen
verändern und mit dem zusammenfallen, was man von ihm verlangt.
Ein Mensch, der sich einem geistigen Einfluss fügt, handelt seinen
eigenen Wünschen entsprechend. Macht aber, wie man gewöhnlich
dieses Wort auffasst, ist ein Mittel, den Menschen zu zwingen, gegen
seine Wünsche zu handeln. Ein Mensch, der sich der Macht
fügt, handelt nicht, wie er will, sondern wie ihn die Macht zu
handeln zwingt. Einen Menschen aber zu zwingen, nicht das zu tun, was
er will, sondern das, was er nicht will, vermag nur physische Gewalt
oder die Androhung solcher, das heißt Freiheitsberaubung,
Prügel, Verstümmelung oder eine leicht ausführbare
Drohung, solche Handlungen zu vollziehen. Darin besteht und bestand
immer die Macht. Trotz der unaufhörlichen
Bemühungen der in der Macht
befindlichen Menschen, dies zu verbergen und der Macht eine andere
Bedeutung beizulegen, ist die Macht nichts als ein den Menschen
angelegter Strick, eine Kette, mit der man ihn bindet und schleppt,
oder eine Knute, mit der man ihn peitscht, oder Messer und Äxte,
mit denen man ihm Arme, Beine, Nase, Ohren und den Kopf abhaut, die
Anwendung dieser Mittel oder die Androhung ihrer Anwendung. So war es
zur Zeit Neros und Dschingis-Khans, und so ist es jetzt bei der
liberalen Regierung, in der amerikanischen und französischen
Republik. Wenn sich die Menschen der Macht fügen, so geschieht es
nur, weil für den Fall des Nichtfügens diese Handlungen gegen
sie angewendet werden. Alle Forderungen der Regierung, Steuernzahlen,
die Erfüllung der Gemeinschaftsangelegenheiten, die Unterordnung
unter die verhängten Strafen, Ausweisungen und so weiter, denen
die Menschen sich, wie es heißt, freiwillig fügen, beruhen
stets auf körperlicher Gewalt oder die Androhung dieser. Die Grundlage der Macht ist die
körperliche Gewalt. Die Möglichkeit aber, eine
körperliche Gewalt
über die Menschen auszuüben, gibt vor allem eine solche
Organisation bewaffneter Menschen, bei der alle bewaffneten Menschen
einmütig handeln und sich einem Willen fügen. Eine solche
Vereinigung bewaffneter Menschen, die sich einem Willen fügen,
bildet das Heer. Das Heer war immer und ist auch jetzt die
Grundlage der Macht. Stets befindet sich die Macht in der Hand derer,
die das Heer befehlen. Und stets sind alle Machthaber von den
römischen Cäsaren bis zu den russischen und deutschen Kaisern
vor allem anderen um ihr Heer besorgt gewesen und begünstigen das
Heer, denn sie wissen, solange das Heer mit ihnen ist, ist die Macht in
ihren Händen. Und eben die Bildung und
Vergrößerung des Heeres,
das zur Befestigung der Macht notwendig ist, war es, die in die
gesellschaftliche Lebensauffassung den Keim der Auflösung gebracht
hat. Das Ziel der Macht und ihrer
Berechtigung besteht in der
Beschränkung der Menschen, die gern ihre eigenen Interessen, zum
Schaden der Interessen der Gemeinschaft, durchführen möchten.
Ob aber die Macht durch die Bildung eines neuen Heeres, durch Erbschaft
oder Wahl erworben wurde, die Menschen, die durch die Heere Macht
innehaben, haben sich durch nichts von den anderen Menschen
unterschieden und waren ebensowenig wie die anderen Menschen geneigt,
ihre eigenen Interessen den Interessen der Gemeinschaft unterzuordnen,
ja, im Gegenteil, da sie die Möglichkeit hatten, es zu tun, waren
sie mehr als andere geneigt, die allgemeinen Interessen ihren eigenen
unterzuordnen. So viel Mittel die Menschen auch ersannen, um den
Menschen, die an der Macht waren, die Möglichkeit zu nehmen, die
allgemeinen Interessen ihren eigenen unterzuordnen oder auch nur die
Macht nur makellosen Menschen zu übergeben, hat man doch bis zum
heutigen Tage kein Mittel gefunden, das eine oder andere zu erreichen. Alle Methoden, die man angewandt
hat: des göttlichen
Segens und der Wahl, der Erbschaft, der Abstimmung, der Wahlen, der
Versammlungen, der Parlamente, der Senate, alle diese Maßregeln
erwiesen und erweisen sich noch als unwirksam. Jedermann
weiß, dass auch nicht einer dieser Methoden, das Ziel erreicht,
weder das Ziel, die Macht nur in die Hände Makelloser zu geben,
noch das, ihren Missbrauch zu verhüten. Jedermann weiß, dass
vielmehr die Menschen, die sich an der Macht befinden, seien es Kaiser,
Minister, Polizeimeister, Schutzleute, stets eben darum, weil sie Macht
haben, mehr zur Unsittlichkeit neigen, das heisst zur Unterordnung der
allgemeinen Interessen unter ihre persönlichen, als die Menschen,
die keine Macht haben; und es kann auch nicht anders sein. Die gesellschaftliche
Lebensauffassung war nur so lange
gerechtfertigt, als alle Menschen freiwillig ihre Interessen den
Interessen der Allgemeinheit unterordneten. Sobald aber Menschen
auftraten, die ihre Interessen nicht freiwillig opferten und die Macht
notwendig wurde, das heißt, die Gewalt zur Einschränkung
dieser Personen, kam in die gesellschaftliche Lebensauffassung und die
auf ihr beruhende Ordnung, der zersetzende Keim der Macht, das
heißt. die Gewalt der einen Menschen über die anderen. Damit die Macht der einen
Menschen über die anderen ihr
Ziel der Einschränkung der Menschen erreichte, die, zum Schaden
der Allgemeinheit, persönlichen Zwecken nachstreben, war es
nötig, dass sich die Macht in den Händen Makelloser befand,
wie das bei den Chinesen angenommen wird, oder wie man im Mittelalter
annahm, oder wie es jetzt noch der Fall ist bei Menschen, die an die
Heiligkeit der Salbung glauben. Nur unter dieser Voraussetzung hat die
gesellschaftliche Ordnung ihre Berechtigung gehabt. Da aber das fehlt, und da viel
mehr die Menschen, die die
Macht innehaben, eben infolge des Besitzes der Macht, stets
nicht-heilig sind, kann die gesellschaftliche Ordnung, die auf der
Macht beruht, keine Berechtugung mehr haben. Wenn es eine Zeit gab, in der bei
einem gewissen niedrigen
Grade von Sittlichkeit und bei der allgemeinen Geneigtheit des Menschen
zur Gewalt über den Nebenmenschen, das Vorhandensein der Macht,
die diese Gewalt beschränkt, vorteilhaft war, als die Gewalt der
Personen übereinander, so muss man doch einsehen, dass eine solche
Höherwertung der Staatsherrschaft über ihr Nichtvorhandensein
nicht dauernd sein konnte. Je mehr bei den Personen das Streben nach
Gewalt abnahm, je mehr die Sitten milder wurden und je mehr die Macht
infolge ihrer Schrankenlosigkeit sich lockerte, desto geringer wurde
die Höherwertung. In dieser Veränderung des
Verhältnisses zwischen der sittlichen Entwicklung der Massen und
der Ausartung der Regierung besteht die ganze Geschichte der letzten
zwei Jahrtausende. In ganz einfacher Form hat sich
die Sache vollzogen: die
Menschen lebten in Stämmen, Familien und Geschlechtern, feindeten
sich an, übten Gewalt übereinander, vernichteten,
töteten sich. Diese Gewalttaten vollzogen sich in geringerem und
größerem Maßstab: Personen kämpften mit Personen,
Stamm mit Stamm, Familie mit Familie, Geschlecht mit Geschlecht, Volk
mit Volk. Die größere, stärkere Gemeinschaft der
Menschen unterjochte die schwächere, und je größer
und stärker die Gemeinschaft der Menschen wurde, desto weniger
innere Gewalt kam in ihnen vor und desto gesicherter schien die Dauer
des Lebens der Gemeinschaft. Glieder eies Stammes oder einer
Familie, die sich zu einer
Gemeinschaft verbanden, befehden sich weniger untereinander, und ein
Stamm und eine Familie stirbt nicht wie ein Mensch, sie setzt ihre
Existenz fort. Zwischen den Gliedern eines Staates, die einer Macht
unterworfen sind, erscheint der Kampf noch schwächer, und das
Leben des Staates scheint noch gesicherter. Diese Vereinigungen zu immer
größeren und
größeren Gemeinschaften vollzogen sich nicht, weil die
Menschen mit Bewusstsein solche Verbindungen als vorteilhafter für
sich erkannten, wie es in dem Märchen von der Herbeirufung der
Waräger (skandinavische bewaffnete Männerbünde im 8. bis
12. Jahrhundert) erzählt wird, sondern einerseits infolge des
natürlichen Zuwachses, andererseits des Kampfes und der
Eroberungen. Wenn die Eroberung vollzogen ist,
macht die Macht des
Eroberers wirklich den inneren Kämpfen ein Ende, und die
gesellschaftliche Lebensauffassung erhält ihre feste
Begründung. Aber diese Begründung ist nur eine zeitweilige.
Die inneren Bürgerkämpfe hören nur in dem Grade auf, in
dem der Druck der Macht auf die vorher sich befehdeten
Persönlichkeiten sich vergrößert. Die Gewalt der
inneren Kämpfe, die die Macht vernichtet, nistet sich in der Macht
selbst ein. Die Macht befindet sich in der Hand von Menschen, die wie
alle anderen sind, das heißt, solcher Menschen, die stets oder
oft bereit sind, ihrer Persönlichkeit das allgemeine Wohl zu
opfern, nur mit dem Unterschied, dass diese Menschen nicht die ihre
Kräfte mäßigende Gegenwirkung der Vergewaltigten haben
und ganz dem entarteten Einfluss der Macht unterliegen. Darum
vergrößert sich das Übel der Gewalt, wenn es in die
Hände der Macht gelangt, immer mehr und mehr und wird mit der Zeit
größer als das Übel, das es zu zerstören scheint,
während in den Mitgliedern der Gesellschaft die Neigung zur Gewalt
immer schwächer und die Gewalt der Macht immer weniger nötig
wird. Die staatliche Macht vernichtet
zwar die innere Gewalt, trägt aber
stets neue Gewalt in das Leben der Menschen, die nach dem Maße
ihrer
Dauer und ihrer Steigerung immer größer und
größer wird. Wenn daher
auch im Staate die Gewalt der Macht weniger merklich ist, als die
Gewalt der Mitglieder der Gesellschaft untereinander, weil sie sich
nicht im Kampf ausdrückt, sondern in Gehorsam, so ist die Gewalt
darum
nicht weniger vorhanden, meist sogar im höheren Grade als
früher. In jüngster Zeit hat im
deutschen Reichstag der Reichskanzler auf
die Frage, wozu man Geld brauche, um den Unteroffizieren das Gehalt zu
erhöhen, gerade heraus erklärt, man brauche zuverlässige
Unteroffiziere, um gegen den Sozialismus zu kämpfen. Caprivi
(deutscher
Reichskanzler von 1890 bis 1894) hat nur laut ausgesprochen, was
jedermann weiß, wenn es auch den Völkern verborgen wird. Er
hat
ausgesprochen, weshalb die Schweizer und Schottischen Garden von den
französischen Königen und den Päpsten gemietet wurden,
weshalb man in
Russland eifrig die Rekruten umquartiert, so dass Regimenter, die in
den Zentren stehen durch Rekruten aus den Grenzländern, und die
Regimenter in den Grenzländern durch Mannschaften aus dem Zentrum
Russlands ergänzt werden. Der Sinn von Caprivis Rede ist, ins
Gewöhnliche übertragen, der: Man braucht das Geld nicht, um
äußeren
Feinden entgegen zu wirken, sondern zur Bestechung der Unteroffiziere,
damit sie bereit sind, gegen das geknechtete arbeitende Volk zu wirken. Caprivi hat von ungefähr
ausgesprochen, was jedermann sehr wohl
weiß, und wenn er es nicht weiß, fühlt, dass
nämlich die bestehende
Ordnung des Lebens ist, wie sie ist, nicht weil sie so sein muss,
nicht, weil das Volk will, dass sie so sei, sondern weil die Gewalt der
Regierung, das Heer mit seinen bestochenen Unteroffizieren, Offizieren
und Generälen sie so aufrecht erhält. Wenn der Arbeiter keinen Boden
hat, wenn er nicht die Möglichkeit
hat, das natürliche Recht jedes Menschen zu genießen, aus
dem Boden für
sich und seine Familie die Mittel seiner Ernährung zu ziehen, so
ist
das nicht deshalb so, weil das Volk es will, sondern weil einigen
Menschen, den Grundbesitzern, das Recht zuerkannt ist, die Arbeitenden
zuzulassen oder nicht zuzulassen. Und diese widernatürliche
Ordnung
wird durch das Heer aufrecht erhalten. Wenn die ungeheuren
Reichtümer,
die die Arbeiter aufgehäuft haben, nicht als allen, sondern nur
ausgesuchten Personen gehörig betrachtet werden, wenn die Macht,
Steuern von der Arbeit einzusammeln und diese Gelder für das
verwenden,
was sie für nötig halten, einigen Menschen vorbehalten ist;
wenn den
Ausständen (Streiks) der Arbeiter entgegengewirkt wird und die
Ausstände der Kapitalisten (Aussperrung) begünstigt werden;
wenn man
einigen Menschen vorbehält, die Art des religiösen und
bürgerlichen
Unterrichts und der Erziehung ihrer Kinder zu wählen, und einigen
Personen das Recht vorbehalten bleibt, Gesetze zu machen, denen sich
alle fügen müssen, und Bestimmungen zu treffen über das
Vermögen und
das Leben der Menschen, so geschieht das alles nicht, weil das Volk
dies will und weil es natürlich so sein muss, sondern weil dies
zum
eigenen Vorteil die Regierungen und die herrschenden Klassen wollen und
vermöge der physischen Gewalt über die Körper der
Menschen es so
bestimmen. Wer das noch nicht weiß, erkennt es sofort bei jedem
Versuch, den er
machen wird, sich nicht zu fügen oder diese Ordnung der Dinge zu
verändern. Daher sind die Heere jeder Regierung und der
herrschenden
Klassen vor allem dazu nötig, die Ordnung der Dinge aufrecht zu
erhalten, die nicht nur nicht den Bedürfnissen des Volkes
entspringt,
sondern ihnen oft geradezu widerspricht und nur für die
Regierungen und
herrschenden Klassen vorteilhaft ist. Das Heer braucht jede Regierung vor allem dazu, ihre
Untertanen im
Gehorsam zu erhalten und ihre Arbeit auszunützen. Aber die
Regierung
ist nicht allein: neben ihr ist eine zweite Regierung, die ebenso mit
Gewalt ihre Untertanen ausnützt, und die stets bereit ist, der
anderen
Regierung die Arbeit ihrer schon zur Knechtschaft gebrachten Untertanen
zu rauben. Darum braucht jede Regierung ein Heer nicht nur zu inneren
Zwecken, sondern auch zum Schutze ihrer Beute vor raublutigen Nachbarn.
Jeder Staat ist infolgedessen unwillkürlich dazu genötigt,
dem andern
gegenüber seine Heere zu vergrößern. Die
Vergrößerung seiner Heere aber
wirkt ansteckend, wie dies schon vor 150 Jahren Baron de Montesquieu
(französischer Philosoph, Schriftsteller und Staatstheoretiker,
1689 -
1755) bemerkt hat. Jede Vergrößerung der Heere in einem Staate, die
gegen die eigenen
Untertanen gerichtet ist, wird auch für den Nachbar
gefährlich und ruft
eine Vergrößerung in den Nachbarstaaten hervor. Die Heere
sind nicht
nur dadurch zu den Millionen angewachsen, zu welchen sie
gegenwärtig
angewachsen sind, dass die Staaten von den Nachbarn bedroht waren. Es
kam vor allen daher, dass man die Empörungsversuche der Untertanen
unterdrücken musste. Die Vergrößerung der Heere
entspringt gleichzeitig
zwei Ursachen, von denen die eine die andere hervorruft. Die Heere sind
notwendig sowohl gegen die inneren Feinde, als auch dazu, das eigene
Land gegen die Nachbarn zu verteidigen. Das eine bedingt das andere.
Der Despotismus der Regierung wächst stets nach dem Maße der
Vergrößerung und Verstärkung der Heere, und der Angriff
der Regierungen
vergrößert sich nach dem Maße der Verstärkung des
inneren Despotismus.
Infolgedessen sind die europäischen Regierungen, eine
immer früher
als die andere, bei der stetigen Vermehrung ihrer Heere zu der
unausbleiblichen Notwendigkeit der allgemeinen Wehrpflicht gelangt,
denn die allgemeine Wehrpflicht war das beste Mittel, für die Zeit
des
Krieges die größte Zahl von Soldaten bei den geringsten
Ausgaben zu
erhalten. Deutschland war das erste Land, das auf diesen Ausweg
verfiel. Und sobald dies ein Staat gemacht hatte, mussten es die
anderen auch tun, und sobald das geschah, geschah es, dass alle
Bürger
unter die Waffen traten, um all die Ungerechtigkeiten zu stützen,
die
gegen sie verübt wurden, dass alle Bürger die Bedrücker
(Unterdrücker)
ihrer selbst wurden. Die allgemeine Wehrpflicht war die notwendige unausbleibliche
logische Notwendigkeit, zu der man durchaus kommen musste. Zugleich
aber ist sie der letzte Ausdruck des inneren Widerspruchs der
gesellschaftlichen Lebensauffassung, der zu der Zeit eintrat, als zu
seiner Aufrechterhaltung die Gewalt nötig wurde. In der
allgemeinen
Wehrpflicht ist dieser Widerspruch offenkundig geworden. In der Tat,
der Sinn der gesellschaftlichen Lebensauffassung besteht doch darin,
dass der Mensch, der die Grausamkeit des Kampfes der Personen
untereinander und der Vergänglichkeit der Personsn selbst erkannt
hat,
den Sinn seines Lebens in die Gemeinschaften der Personen
überträgt.
Bei der allgemeinen Wehrpflich dagegen ergibt sich, dass die Menschen,
die alle Opfer gebracht haben, die man von ihnen verlangt, damit sie
sich von der Grausamkeit des Kampfes und von der Unzuverlässigkeit
des
Lebens befreien, nach allen Opfern, die sie gebracht haben, wieder zu
all den Gefahren aufgerufen werden, von denen sie sich glaubten befreit
zu haben. Außerdem wird die Gemeinschaft der Staaten, um
deretwillen
die Personen auf ihre eigene verzichtet haben, wieder der Gefahr der
Vernichtung ausgesetzt, der vorher die Person unterlag. Die Regierungen hätten die Menschen von der Grausamkeit
des Kampfes
der Personen befreien und ihnen die Zuversicht auf die Unverletzbarkeit
der staatlichen Lebensordnung geben sollen. Statt dessen bürden
sie den
Personen die Notwendigkeit desselben Kampfes auf und verwandeln sie nur
aus dem Kampfe mit den nächsten Personen zu dem Kampfe mit
Personen
anderer Staaten, lassen aber die gleiche Gefahr der Vernichtung der
Personen sowohl wie des Staates bestehen. Die Einrichtung der allgemeinen Wehrplicht gleicht dem, was
mit
einem Menschen geschähe, der ein einstürzendes Haus
stützen wollte: die
Wände haben sich nach innen geneigt, man hat Stützen darunter
gesetzt;
die Diele hat sich geneigt, man hat eine andere darunter gelegt;
zwischen den Stützen hängen Bretter hinab, man stellt wieder
Stützen
auf; es kommt endlich so weit, dass die Stützen zwar das Haus
aufrecht
erhalten, dass man aber in dem Hause vor lauter Stützen nicht mehr
wohnen kann. So steht es mit der allgemeinen Wehrpflicht. Sie zerstört
alle die
Vorteile des gesellschaftlichen Lebens, die sie zu schützen
berufen
ist. Die Vorteile des gesellschaftlichen Lebens bestehen in dem Schutze
des Eigentums, der Arbeit, in der Mitwirkung an der gemeinsamen
Vervollkommnung des Lebens. Die allgemeine Wehrpflicht vernichtet all
dies. Die Steuern, die man von dem Volke eintreibt, um den Krieg
vorzubereiten, verschlingen den größten Teil der Erzeugnisse
der
Arbeit, die das Heer beschützen soll. Das Herausreißen aller
Männer aus
dem gewohnten Lebensgang zerstört die Möglichkeit der Arbeit
selbst.
Die drohende Gefahr des Krieges, der jeden Augenblick beginnen kann,
macht alle Vervollkommnung des geselschaftlichen Lebens unnütz und
überflüssig. Wenn man früher dem Menschen sagte, er würde, wenn
er sich der Macht
des Staates nicht fügte, den Überfällen böser
Menschen ausgesetzt sein,
innerer und äußerer Feinde, er würde genötigt
sein, selber mit ihnen zu
kämpfen, sich dem Totschlag aussetzen, es sei darum vorteilhaft
für
ihn, gewisse Entbehrungen zu ertragen, um sich von diesen Nöten zu
befreien, so konnte der Mensch das glauben, da die Opfer, die er dem
Staate brachte, nur einzelne Opfer waren und ihm die Hoffnung auf ein
ruhiges Leben in einem unvernichtbarem Staate gaben, um dessenwillen er
seine Opfer brachte. Jetzt aber, wo diese Opfer nicht nur um das
Zehnfache gewachsen sind und die versprochenen Vorteile fehlen, muss
jedem natürlich der Gedanke kommen, dass sein Gehorsam gegen die
Macht
vollständig unnütz ist. Aber nicht darin allein besteht die verhängnisvolle
Bedeutung der
allgemeinen Wehrplicht als einer Erscheinung des Widerspruchs, der in
der gesellschaftlichen Lebensauffassung liegt. Die Haupterscheinung
dieses Widerspruchs besteht darin, dass bei der allgemeinen Wehrpflicht
jeder Bürger, indem er Soldat wird, eine Stütze der
staatlichen Ordnung
wird und ein Teilnehmer alles dessen, was der Staat tut und dessen
Gesetzmäßigkeit er nicht anerkennt. Um sich davon zu überzeugen, dass jeder Mensch, der seine Militärpflicht erfüllt, Teilnehmer solcher staatlichen Dinge wird, die er nicht anerkennt und nicht anerkennen kann, denke jeder bloß an das, was in jedem Staate im Namen der Ordnung und des Wohles der Völker geschieht, und dessen Vollstrecker stets das Heer ist. Alle inneren Kämpfe der Dynastie (der Geschlechterabfolge der Herrscher und ihrer Familien) und der verschiedenen Parteien, alle Hinrichtungen, die mit diesen Wirren verbunden sind, alle Unterdrückungen von Empörungen, jede Anwendung der Kriegsmacht, um Volksaufläufe auseinander zu treiben, die Unterdrückung von Arbeiteraufständen, alle Eintreibungen von Steuern, alle Ungerechtigkeiten in der Verteilung des Bodenbesitzes, alle Unterdrückungen der Arbeit, all das geschieht, wenn nicht unmittelbar durch das Heer, so durch die Polizei, die vom Heer unterstützt wird. Wer seine Militärpflicht ableistet, wirkt mit an allen diesen Dingen, die in manchen Fällen für ihn zweifelhaft, in den meisten aber geradezu gegen sein Gewissen sind. Die Menschen wollen nicht den Boden verlassen, den sie Geschlechter hindurch bearbeitet haben. Die Menschen wollen nicht auseinander gehen, wie die Regierung das will. Die Menschen wollen nicht die Steuern zahlen, die man von ihnen fordert. Die Menschen wollen nicht die Gesetze als verbindlich anerkennen, die sie nicht gemacht haben. Die Menschen wollen nicht auf ihre Nationalität verzichten, und ich muss, wenn ich meine Militärpflicht ableiste, hingehen und diese Menschen schlagen. Muss ich, wenn ich an diesen Dingen mitwirke, mir nicht die Frage stellen, ob diese Dinge gut sind und ob ich ein Recht habe, an ihrer Auswirkung mitzuwirken? Die allgemeine Wehrpflicht ist
für die Regierung der äußerste Grad der Gewalt, der zur
Aufrechterhaltung des ganzen Gebäudes nötig ist. Für die
Untertanen
aber ist sie die letzte Grenze der Möglichkeit des Gehorsams. Das
ist
der Stein im Gewölbe, der die Mauern hält und dessen
Loslösung das
ganze Gebäude ins Wanken bringt. Die Zeit ist vorüber, wo der stets wachsende Gebrauch der
Regierungen und ihre Kämpfe untereinander es dahin gebracht haben,
dass
von jedem Untertan so große, nicht nur materielle Opfer gefordert
wurden, bei denen jeder nachdenklich wurde und sich fragte: kann ich
diese Opfer bringen? Und wofür muss ich diese Opfer bringen? Diese
Opfer wurden um des Staates willen gebracht. Um des Staates willen
fordert man von mir, dass ich auf alles verzichte, was den Menschen
teuer ist: auf Frieden, Familie, Sicherheit und Menschenwürde. Was
ist
denn nun dieser Staat, für den so schreckliche Opfer
gefordert werden,
und warum ist es so unbedingt nötig? Der Staat, sagt man uns, ist unbedingt nötig. Ohne den
Staat wären
erstens ich und wir alle nicht vor der Gewalt und den Angriffen
böser
Menschen bewahrt. Ohne den Staat wären wir zweitens Wilde und
hätten
weder Einrichtungen für die Religion, Bildung, Erziehung, für
den
Handelsverkehr oder anderen gesellschaftlichen Zwecken. Drittens
wären
wir ohne Staat der Knechtung durch Nachbarvölker ausgesetzt." Ohne
den
Staat, sagt man uns, wären wir der Gewalt und den Angriffen
böser
Menschen in unserem eigenen Vaterlande ausgesetzt. Wer aber sind in unserer Mitte die bösen Menschen, vor
deren Gewalt
und Überfall uns der Staat und sein Heer schützt? Wenn es vor
drei,
vier Jahrhunderten, wo die Menschen sich mit ihrer Kriegskunst, ihren
Rüstungen brüsteten, wo man die Tötung von Menschen als
eine glänzende
Tat ansah, solche Menschen gab, so gibt es doch heute solche Mneschen
nicht mehr. Kein Mensch unserer Zeit gebraucht und trägt Waffen.
Alle
erkennen die Gebote der Menschenliebe, des Mitleids mit dem
Nächsten an
und verlangen das, was wir verlangen, nur die Möglichkeit ruhigen
und
friedlichen Lebens. Und darum gibt es jetzt nicht mehr jene besonderen
Gewalttäter, vor denen uns der Staat schützen könnte. Ohne den Staat, sagt man auch, hätten wir alle die
Erziehungs-,
Bildungs-, Religions-, Verkehrs- und weitere Einrichtungen nicht. Ohne
den Staat hätten die Menschen die gesellschaftlichen, für
alle
notwendigen Dinge nicht durchführen können. Aber diese
Begründung
konnte auch nur vor einigen Jahrhunderten berechtigt sein. Wenn es eine Zeit gab, wo die Menschen so getrennt voneinander
lebten, wo die Mittel der Annäherung und der Gedankenvermittlung
so
wenig entwickelt waren, dass sie sich in keiner allgemeinen
Angelegenheit, weder in einer Handels- und Wirtschafts-, noch in einer
Bildungsangelegenheit, ohne ein staatliches Zentrum beraten und
einigen konnten, so ist jetzt diese Trennung nicht mehr vorhanden. Die
hochentwickelten Mittel des Verkehrs haben es mit sich gebracht, dass
die Menschen unserer Zeit zur Bildung von Gesellschaften,
Vereinigungen, Kooperationen, Kongressen, gelehrten, wirtschaftlichen,
politischen Institutionen nicht nur vollständig ohne Regierungen
fertig
werden können, sondern dass die Regierungen in den meisten
Fällen der
Erreichung dieser Zwecke mehr hinderlich als förderlich sind. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts ist von der Regierung
beinahe
jeder Fortschritt der Menschheit nicht nur nicht gefördert,
sondern
stets aufgehalten worden. So war es mit der Aufhebung der
körperlichen
Strafen, der Folter, der Leibeigenschaft, mit der Schaffung der Presse-
und Vereinsfreiheit.In unserer Zeit aber ist die Staatsgewalt und die
Regierung jeder Tätigkeit, durch die die Menschen sich neue
Lebensformen schaffen, nicht nur nicht förderlich, sondern
geradezu
hinderlich. Die Lösung der Arbeiter-, der Bodenbesitzfragen, der
politischen, der religiösen Fragen, wird von der Staatsgewalt
nicht nur
nicht gefördert, sondern geradezu aufgehalten. "Ohne Staat und
Regierung würden die Völker von den Nachbarn geknechtet
werden." Man
braucht diesen letzten Hinweis kaum zu widerlegen; die Widerlegung
liegt in ihm selbst. Die Regierung, so sagt man uns, ist samt ihrem Heere
notwendig, um
uns gegen die Nachbarstaaten zu schützen, die uns knechten
können. Aber
das sagen doch alle Regierungen, eine wie die andere, während wir
wissen, dass die europäischen Völker die Grundsätze der
Freiheit und
Brüderlichkeit bekennen, und daher des Schutzes eines gegen das
andere
nicht bedürfen. Wollte man aber an einen Schutz gegen die Barbaren
denken, so genügt 0,001 (Prozent?) von den Heeren, die jetzt unter
Waffen stehen. Und so ergibt sich das Gegenteil von dem, was behauptet
wird: Die Staatsgewalt bietet nicht nur keinen Schutz gegen die Gefahr
des Überfalls der Nachbarn, sie ruft vielmehr die Gefahr des
Überfalls
hervor. So muss es jedem Menschen, der durch die allgemeine
Wehrpflicht in
die Notwendigkeit versetzt wird, über die Bedeutung des Staates
nachzudenken, um dessenwillen das Opfer seiner Ruhe, seiner Sicherheit
und seines Lebens gefordert sind, klar sein, dass diese Opfer in
unserer Zeit keinerlei Berechtigung mehr haben. Aber nicht bloss bei theoretischer Betrachtung muss jeder
Mensch
einsehen, dass die Opfer, die der Staat von ihm fordert, keine
Berechtigung haben. Auch bei praktischer Betrachtung, dass heisst, bei
der Erwägung all der drückenden Bedingungen, in die der
Mensch durch
den Staat gebracht wird, muss jeder sehen, dass für ihn
persönlich die
Erfüllung der Forderung des Staates und seine Unterwerfung unter
das
Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht in den meisten Fällen
unvorteilhafter ist als die Verweigerung des Dienstes. Wenn die
Mehrzahl der Menschen die Unterwerfung der Nichtunterwerfung vorzieht,
so geschieht das nicht infolge einer nüchternen Abwägung der
Vorteile
und Nachteile, sondern zu der Unterwerfung zieht die Menschen die
Hypnotisierung, der sie dabei unterliegen. Indem sie sich fügen,
gehorchen die Menschen nur den Forderungen, die man an sie stellt, ohne
nachzudenken und ohne eine Willensanstrengung zu machen. Zur
Nichtunterwerfung bedarf es eines selbstständigen Urteils und
einer
Anstrengung, zu der nicht jeder fähig ist. Wenn man aber von der sittlichen Bedeutung, der Unterwerfung
und der
Nichtunterwerfung absieht und nur die Vorteile in Betracht zieht, so
wird im allgemeinen die Nichtunterwerfung stets vorteilhafter sein als
die Unterwerfung. Wer ich auch bin, ob ich zu den wohlhabenden,
bedrückenden (unterdrückenden) Klassen gehöre oder zu
der arbeitenden,
bedrückten (unterdrückten), in beiden Fällen sind die
Nachteile der
Nichtunterwerfung geringer als die Nachteile der Unterwerfung, und die
Vorteile der Nichtunterwerfung größer als die Vorteile der
Unterwerfung. Wenn ich zu der Minderheit der Bedrücker
(Unterdrücker) gehöre,
werden die Nachteile der Nichtunterwerfung unter die Forderung der
Regierung darin bestehen, dass man mich als einen Menschen, der sich
weigert, die Forderung der Regierung zu erfüllen, vor Gericht
stellt
und im besten Falle freispricht, oder, wie man bei uns mit den
Mennoniten (die Mennoniten sind eine christliche
Glaubensgemeinschaft,die sich an der Gewaltlosigkeit und am Pazifismus
orientiert und die sowohl den Wehrdienst als auch die Steuern für
Militärausgaben verweigert)
verfährt, zwingt, die Dienstzeit in unkriegerischer Arbeit
abzuleisten,
im schlimmsten Falle zur Verbannung oder zu Gefängnis auf zwei,
drei
Jahre verurteilt (ich sprechen von Fällen, die in Russland
vorgekommen
sind) oder vielleicht zu längerer Gefängnisdauer, vielleicht
auch zu
Tode, obwohl die Wahrscheinlichkeit einer solchen Strafe sehr gering
ist. Die verhältnismässigen Vorteile der Unterwerfung und
der Nichtunterwerfung sind folgende: Für den, der sich nicht
weigert, werden die Vorteile darin bestehen, dass er, nachdem er sich
aller Erniedrigungen gefügt, alle Grausamkeiten, die man von ihm
abverlangt, ausgeübt und vielleicht nicht getötet worden ist,
roten, goldenen und Flitterschmuck an seinem närrischen Kleide
haben wird, dass er vielleicht im besten Falle über
Hunderttausende, ganz wie er, vertierter (wie Tiere) Menschen den
Befehl haben, Feldmarschal heißen oder viel Geld bekommen wird.
Die Vorteile dessen, dass er sich weigert, werden darin bestehen, dass
er seine Menschenwürde bewahrt, die Achtung der guten Menschen
erlangt und vor allem unzweifelhaft dessen wird, dass er ein Gotteswerk
und darum eine unzweifelhafte Guttat gegen die Menschen übt. Dies sind die beiderseitigen Vorteile und Nachteile für
den Menschen aus den reichen Gesellschaftsklassen, für den
Bedrücker. Für den Armen der arbeitenden Klasse werden
Vorteile und Nachteile dieselben sein, jedoch mit einem gewichtigen
Plus von Nachteilen. Die Nachteile werden für den Mann aus der
arbeitenden Klasse, der den Kriegsdienst nicht verweigert, noch darin
bestehen, dass er durch seinen Eintritt in den Kriegsddienst, durch
seine Teilnahme und gewissermaßen durch seine Zustimmung die
Bedrückung, in der er sich selbst befindet, noch verstärkt. Aber nicht die Betrachtung darüber, inwieweit für
die Menschen dieser Staat, den sie durch ihre Teilnahme an den
Kriegsdienst zu stützen berufen sind, nötig und nützlich
ist. Noch weniger die Betrachtung über die Vorteile und Nachteile,
die der Einzelne durch Unterwerfung und Nichtunterwerfung unter die
Forderung der Regierung hat, lässt die Frage von der Notwendigkeit
der Erhaltung oder Vernichtung des Staates. Gelöst wird diese
Frage unwiderleglich und unwiderruflich durch das religiöse
Bewusstsein oder Gewissen jedes einzelnen Menschen, an den
unwillkürlich mit der allgemeinen Wehrpflicht die Frage über
Sein oder Nichtsein des Staates herantritt. VIII. Es ist unvermeidlich, dass die Menschen unserer Welt die christliche Lehre: Widerstrebe nicht dem Übel mit Gewalt!" annehmen. Top Man hört oft sagen, wenn das Christentum die Wahrheit ist, so hätte es damals als es auftrat, von allen Menschen angenommen werden, das Leben der Menschen verändern und es besser machen müssen. Aber so etwas sagen, heisst behaupten, wenn ein Korn keimfähig sei, müsste es sofort auch Wurzel, Blüte und Frucht geben. Die christliche Lehre ist keine Gesetzgebung, die, mit Gewalt eingeführt, sofort das Leben der Menschen verändern könnte. Das Christentum ist eine von der früheren Abweichende, neue, höhere Auffassung des Lebens. Eine neue Auffassung des Lebens kann aber nicht vorgeschrieben werden, sie kann nur freiwillig angenommen werden. Freiwillig aber kann die neue Lebensauffassung nur auf zwei Arten angenommen werden, in geistiger innerer und in erfahrungsmäßiger, äußerer Weise. Die einen, die Minderzahl der Menschen, erraten sofort durch ein prophetisches Vorgefühl die Wahrheit der Lehre, geben sich ihr hin und erfüllen sie. Die anderen, die Mehzahl, werden erst auf einem langen Umweg von Irrtümern, Erfahrungen und Leiden zur Kenntnis der Wahrheit der Lehre gebracht und zu der Notwendigkeit, sie sich anzueignen. Und zu dieser Notwendigkeit, sich die Lehre auf die erfahrungsmäßige äußere Art anzueignen, ist auch jetzt die große Mehrzahl der Menschen der christlichen Welt gebracht worden. Man denkt wohl manchmal: Wozu war diese Verstümmelung des Christentums nötig, die auch jetzt noch mehr als alles andere seine Annahme in seiner wahren Bedeutung verhindert? Diese Verstümmelung des Christentums aber, die die Menschen in die Lage gebracht hat, in der sie sich jetzt befinden, war eben eine notwendige Vorbedingung dazu, dass die Mehrzahl der Menschen es in seiner wahren Bedeutung annehmen konnten. Wäre das Christentum den Menschen in seiner wahren und nicht in seiner verstümmelten Gestalt vorgelegt worden, dann wäre es nicht von der Mehrzahl der Menschen angenommen worden, und diese Mehrzahl wäre ihm fremd geblieben, wie es jetzt die Völker Asiens sind (Anmerkung: Die asiatischen Religionen sagen allerdings im Prinzip dasselbe und mitunter sogar in einer deutlicheren Sprache, z.B. was das Brahmacharya, die sexuelle Enthaltsamkeit, betrifft. Tolstoi lebte übrigens ebenfalls enthaltsam. Manche vermuten sogar, dass das Christentum auch durch den Hinduismus und Buddhismus beeinflusst wurde, denn hinduistische und buddhistische Mönche drangen bis in den arabischen und afrikanischen Kontinent vor. Die griechische Philosophie, die ebenfalls sehr von der fernöstlichen Philosophie beeinflusst wurde, hatte später ebenfalls großen Einfluss auf das römische Reich, welches sich ebenfalls bis nach Arabien und Nordafrika erstreckte.). Nachdem die Völker es aber in verstümmelter Form angenommen, haben sie sich durch diese Annahme seiner zwar langsamen, aber sicheren Einwirkung ausgesetzt und sind jetzt auf einem langsamen Erfahrungswege von Irrtümern und daraus entspringen Leiden zu der Notwendigkeit gebracht, es ist in seiner wahren Bedeutung sich anzueignen. Die Verstümmelung des Christentums und seine Annahme in dieser verstümmelten Gestalt durch die Mehrzahl der Menschen war ebenso notwendig, wie es zu dem Aufgehen eines ausgesäten Körnchens ist, dass es eine Zeit lang in der Erde verborgen liegt. Die christliche Lehre ist eine Lehre der Wahrheit und gleichzeitig eine Prophezeiung. Vor eintausendachthundert (zweitausend) Jahren hat die christliche Lehre den Menschen die Wahrheit enthüllt, wie sie zu leben hätten, und hat zugleich vorher gesagt, was das menschliche Leben sein wird, wenn die Menschen nicht so leben werden, sondern fortfahren werden, in derselben Weise zu leben, wie sie bis zu seinem Auftreten gelebt haben, und was es sein wird, wenn sie die christliche Lehre annehmen und sie im Leben erfüllen werden. Nachdem Christus in der Bergpredigt die Lehre verkündet, die das Leben der Menschen bestimmen soll, hat er gesagt: "Darum, wer diese meine Rede höret und tut sie, den nenne ich einen klugen Mann, der sein Haus auf einen Felsen baute. Da nun ein Platzregen fiel und ein Gewässer kam und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht, denn es war auf einen Felsen gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der ist einem törichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand baute. Da nun ein Platzregen fiel und kam ein Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall." (Matthäus 7,24-27) Anmerkung: Jesus und der gewaltlose Widerstand. Jesus predigt nicht den gewaltlosen Widerstand, sondern das widerstandslose Hinnehmen des Unrechts: "Ihr sollt nicht widerstreben dem Bösen." (Mt 5.39). Und in der Bergpredigt sagt Jesus: "Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin. Wenn einer dir dein Hemd nehmen will, so gib ihm auch noch den Mantel. Wenn einer von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe zwei Meilen mit ihm. Gib dem, der dich um etwas bittet, und auch dem, der etwas von dir leihen will. (Mt 5,40-42) Weiter sagt Jesus: "Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen." Und nun, achtzehn Jahrhunderte später, hat sich diese Prophezeiung erfüllt. Da die Menschen die Lehre Christi im Allgemeinen und ihre Verkörperung im gesellschaftlichen Leben durch das Nichtwidersteben nicht befolgen, sind sie in die Lage des unvermeindlichen Untergangs gekommen, die Christus denen verheißen hat, die seine Lehre nicht befolgen werden. Die Menschen denken oft, die Frage vom Widerstreben oder nicht Widerstreben mit Gewalt, sei eine erdichtete Frage, eine Frage, die man umgehen kann. Und doch ist dies eine Frage, die vom Leben selbst vor alle Welt und vor jeden denkenden Menschen hingestellt ist und unbedingt ihre Lösung erfordert. Diese Frage ist für die Menschen in ihrem gesellschaftlichen Leben von der Stunde, in der die christliche Lehre gepredigt wurde, daselbe, wie für den Reisenden die Frage, welchen von zwei Wegen er gehen soll, wenn er an eine Kreuzung kommt. Gehen muss er. Er erkann nicht sagen: "Ich werde nicht überlegen, ich werde gehen, wie ich bisher gegangen bin." Bisher ist es nur einen Weg gegeben, jetzt sind es zwei geworden. Er kann nicht gehen, wie er bisher gegangen ist. Er muss einen der beiden Wege auswählen. Ganz ebenso kann man seit der Zeit, wo die Lehre Christi den Menschen bekannt wurde, nicht sagen, ich werde leben, wie ich bisher gelebt habe, ohne die Frage über das Widersteben oder Nichtwiderstreben mit Gewalt zu lösen. Man muss sich bei dem Ausbruche jeden Kampfes entschliessen, ob man mit Gewalt widerstreben oder nicht widerstereben will dem, was man das Übel nennt. Die Frage über das Widerstreben oder Nichtwiderstreben ist damals entstanden, als der erste Kampf zwischen den Menschen eintrat. Jeder Kampf ist nichts anderes, als ein gewaltsames Widerstreben gegen das, was jeder von den Kämpfenden für ein Übel hält. Nur haben die Menschen vor Christo nicht gesehen, dass das gewaltige Widerstreben gegen das, was jeder ein Übel nennt, nur deshalb, weil er ein Übel nennt, was der andere für gut hält, nur eines von den Mitteln zur Lösung des Kampfes ist, und dass ein zweites Mittel darin besteht, überhaupt dem Übel nicht mit Gewalt zu widerstreben. Vor Christi Lehre glaubten die Menschen, es gäbe nur ein Mittel zur Lösung des Kampfes, indem man dem Übel mit Gewalt widerstrebt. Und so handelten sie auch und gaben sich Mühe, jeder einzelne der Streitenden, sich und die anderen davon zu überzeugen, dass das, was er für ein Übel hält, ein wirkliches, absolutes Übel sei. Daher haben auch von den ältesten Zeiten an die Menschen solche Begriffsbestimmungen des Übels gesucht, die für alle verbindlich waren. Und für solche Begriffsbestimmungen des Übels, die für alle verbindlich sein sollten, gab man bald die Bestimmungen der Gesetze aus, die, wie man annahm, auf übernatürliche Weise empfangen waren, bald die Befehle von Menschen oder von Vereinigungen von Menschen, denen man den Vorzug der Unfehlbarkeit zuschrieb. Die Menschen gebrauchten die Gewalt gegen andere Menschen und redeten sich und anderen ein, sie gebrauchen diese Gewalt gegen das von allen anerkannte Übel. Dieses Mittel wurde von den ältesten Zeiten an besonders von den Menschen angewendet, die die Macht ergriffen hatten. Die Menschen erkannten lange Zeit die Unvernunft dieses Mittels nicht. Aber je länger die Menschen lebten, je komplizierter ihre Beziehungen wurden, desto augenscheinlicher wurde es, dass es unvernünftig ist, mit Gewalt dem zu widerstreben, was jeder für ein Übel hält, dass der Kampf dadurch nicht vermindert wird und dass keinerlei menschliche Bestimmungen bewirken können, dass das, was von den einen für ein Übel gehalten wird, auch von den anderen dafür gehalten werde. Schon zur Zeit des Auftreten des Christentums am dem Orte, wo es auftrat, im römischen Reich, war es für die Mehrzahl der Menschen klar, dass das was Kaiser Nero1 oder Caligula2 für ein Übel hielten, dem man mit Gewalt widerstreben müsste, von den anderen Menschn nicht für ein Übel gehalten werden kann. Schon damals begannen die Menschen zu begreifen, dass die menschlichen Gesetze, die man für göttliche Gesetze ausgab, von Menschen geschrieben sind, dass Menschen nicht unfehlbar sein können, mit welchem äußeren Glanz sie auch bekleidet seien, und dass irrende Menschen nicht unfehlbar werden können dadurch, dass sie sich zusammentun und sich Senat oder sonstwie nennen. Damals schon empfanden und begriffen das viele, und damals predigte Christus seine Lehre, die, nicht nur darin bestand, dass man dem Übel nicht mit Gewalt widerstreben dürfe, sondern die Lehre von einer neuen Lebensauffassung war, von der ein Teil oder, besser gesagt, deren Anwendung im gesellschaftlichen Leben, zugleich die Lehre von dem Mittel der Vernichtung des Kampfes unter allen Menschen war, nicht dadurch, dass man nur einen Teil der Menschen verpflichtete, ohne Kampf sich dem zu fügen, was ihnen von gewissen Autoritäten vorgeschrieben wird, sondern dadurch, dass es niemand, also auch denen nicht und ganz besonders denen nicht, die die Macht inne haben, gestattet sei, Gewalt zu gebrauchen gegen irgend jemand in irgendeinem Falle. 1Nero war römischer Kaiser von 54 bis 68 n.Chr. Auf den Rat seiner Berater ließ Nero, nach dem Brand von Rom, der vermutlich durch Unvorsichtigkeit entstand und einen großen Teil Roms vernichtete (10 von 14 Stadtteile), viele Christen, die ohnehin bei weiten Teilen der Bevölkerung verhasst waren, verhaften und, nachdem sie die Brandstiftung gestanden hatten, viele zu grausamen Todesstrafen verurteilen. Die meisten wurden verbrannt, da dies die im römischen Recht für Brandstifter vorgesehene Strafe war, einige gekreuzigt oder in Felle gesteckt und in der Arena den Tieren vorgeworfen. Sie fanden unter Nero jedoch nicht nur wegen der ihnen vorgeworfenen Brandstiftung den Tod, sondern auch wegen „des allgemeinen Menschenhasses“. Die Christenverfolgung unter Nero, die auf Rom beschränkt blieb, war das erste einer Reihe von lokalen Progromen (Massenauschreitungen), die der Verfolgung unter Domitian (römischer Kaiser von 81 bis 96 n.Chr.) und den systematischen Verfolgungen im 3. Jahrhundert vorausgingen. Quelle: Nero 2Caligula war römischer Kaiser von 37 bis 41 n.Chr.. Er galt als arrogant und zynisch, manche vermuten gar, er könnte wahnsinnig gewesen sein. So überlieferte der römische Philosoph Seneca Bilder grausamer Folterungen und Hinrichtungen des Kaisers, die ihn als Sadisten beschreiben. Caligula liebäugelte mit der griechischen Philosophie, die aber mit dem jüdischen Monotheismus unvereinbar war. Dies führte schliesslich zur Zerstörung des jüdischen Tempels in Jerusalem durch Kaiser Titus (70 n.Chr.), sowie zur Diaspora, der Vertreibung der Juden aus Palästina, unter Kaiser Hadrian (117 - 138 n.Chr.), zu der Caligula maßgeblich beigetragen hatte. Seine Gewaltherrschaft endete, nach 4 Jahren als Kaiser, mit seiner Ermordung durch die Prätorianergarde. Quelle: Caligula Jesus Lehre wurde damals nur von einer ganz kleinen Zahl von
Jüngern
angenommen. Die Mehrzahl der Menschen aber, besonders die, die
über die
Menschen herrschten, fuhren auch nach der nominellen Annahme des
Christentums fort, sich an die Regel des Widerstrebens gegen das zu
halten, was ihnen ein Übel zu sein schien. So ging es zu den
Zeiten der
römischen und byzantinischen Kaiser (ab 284 n.Chr), und so
währte es fort in späterer Zeit. Die Menschen aber waren nicht reif zur Annahme dieser
Lösung, die
Christus gegeben hatte, und das frühere Mittel der Bestimmung des
Übels, dem man widerstreben müsse, durch die Schffung von
Gesetzen, die
für alle verbindlich seien und die man durch Gewalt vollstreckt,
wurde
fortdauernd angewandt. Die Bestimmung dessen, was man für ein
Übel
halten und durch gewaltsames Widerstreben bekämpfen soll, hatte
bald
der Papst, bald der Kaiser, bald der König, bald eine Versammlung
Gewählter, bald das ganze Volk. Aber innerhalb wie außerhalb
des
Staates, gab es stets Menschen, die weder die Bestimmungen, die man
für
göttliche Befehle ausgab, noch die Bestimmungen der Menschen, die
mit
Heiligkeit bekleidet waren, noch die Institutionen, die den Willen des
Volkes repräsentieren sollten, als für sich verbindlich
anerkannten,
und Menschen, die für gut hielten, was die bestehenden Mächte
für ein
Übel hielten, und die mit eben der Gewalt, die man gegen sie
anwandte,
gegen die Mächte kämpften. Die Menschen, die mit Heiligkeit bekleidet waren, hielten
für ein
Übel, was die Menschen und Institutionen, die mit weltlicher Macht
bekleidet waren, für gut hielten, und umgekehrt, und der Kampf
wurde
immer schärfer und schärfer. Und je länger sich die
Menschen an einer
solchen Methode der Lösung des Kampfes hielten, desto klarer wurde
es,
dass diese Methode nichts taugte, da es eine äußere
Autorität für eine
Definition des Übels, die von allen anerkannt wurde, nicht gibt
und
nicht geben kann. So ging es achtzehn Jahrhunderte und so kam es, wohin es heute
gekommen ist, zur vollständigen Augenscheinlichkeit dessen, dass
es
eine äußere, für alle verbindliche Definition des
Übels nicht gibt und
nicht geben kann. Es kam dahin, dass die Menschen aufhörten, nicht
nur
an die Möglichkeit der Auffindung dieser gemeinsamen, für
alle
verbindlichen Definition zu glauben. Sie hörten sogar auf, an die
Notwendigkeit zu glauben, eine solche Definition aufzustellen. Es kam
dahin, dass die Menschen, die die Macht inne hatten, schon
aufhörten,
zu beweisen, dass das, was sie für ein Übel hielten, auch
einÜbel sei,
sondern einfach sagten, sie hielten für ein Übel, was ihnen
nicht
gefällt. Und die Menschen, die der Macht gehorchten, gehorchten
nun
nicht mehr, weil sie glaubten, dass die Definition des Übels, wie
sie
diese Macht gibt, richtig ist, sondern weil sie nicht anders
können als
gehorchen. Nicht darum ist Nizza mit Frankreich, Lothringen mit
Deutschland,
Böhmen mit Österreich vereinigt worden, nicht darum ist Polen
geteilt
worden, nicht darum ist Irland und Indien der englischen Herrschaft
unterworfen worden, nicht darum wird der Krieg mit China geführt,
nicht
darum werden die Afrikaner getötet, nicht darum weisen die
Amerikaner
die Chinesen aus dem Lande und unterdrücken die Russen die Juden,
nicht
darum nutzen die Grundbesitzer den Boden aus, den sie nicht bearbeiten,
und die Kapitalisten die Erzeugnisse der Arbeit anderer, weil das
für
die Menschen gut, nötig und nützlich, und weil das Gegenteil
davon ein
Übel ist, sondern nur, weil die Menschen, die die Macht inne
haben,
wollen, dass es so sei. Es entwickelte sich das, was jetzt besteht: die
einen Menschen üben Gewalt aus, nicht mehr, um dem Übel
entgegenzuwirken, sondern um ihres Vorteils oder ihrer Laune willen,
und die anderen Menschen fügen sich dieser Gewalt, nicht weil sie
glauben, wie man das früher annahm, dass die Gewalt über sie
ausgeübt
wird, um sie von dem Übel zu befreien und zu ihrem Besten, sondern
nur,
weil sie sich von der Gewalt nicht freimachen können. Wenn der Römer, der Mensch des Mittelalters, unser Russe,
wie ich
ihn vor fünzig Jahren kannte, unzweifelhaft davon überzeugt
war, dass
die Gewalt der Macht, die über ihn ausgeübt wird, unbedingt
notwendig
sei, um ihn gegen Übel zu schützen, dass Steuern, Zölle,
Leibeigenschaft, Gefängnisse, Peitsche, Knute, Folter,
Hinrichtung,
Soldatentum, Krieg sein müssen, so findet man doch heute noch
selten
einen Menschen, der nicht nur nicht glaubt, dass all die Gewalttaten
irgendjemand von irgendeinem Übel befreien, sondern dass der nicht
deutlich einsähe, dass die Mehrzahl dieser Gewalttaten, denen er
unterliegt, und an denen er zum Teil mitwirkt, an sich das
größte und
schlimmste Übel sind. Es gibt heute keinen Menschen, der nicht nur das
Unnützliche,
sondern auch das Törichte der Eintreibung von Steuern, von dem
arbeitendem Volke zur Bereicherung müßiger Beamten einsehen
oder die
Sinnlosigkeit der Verhängung von Strafen über entartete und
schwache
Menschen in der Gestalt der Einschliessung ins Gefängnis, wo sie
in
Sicherheit und Müßigkeit leben und nur immer mehr entarten
und schwach
werden. Oder nicht nur die Unnützlichkeit und Torheit, sondern
geradezu
die Vernunftlosigkeit der Kriegsvorbereitung und der Kriege, die ein
Volk zerrüten und zu Grunde richten, und die sich durch nichts
erklären
lassen. Und doch dauern diese Gewalttaten fort und werden sogar von
eben den Menschen aufrecht erhalten, die ihre Unnützlichkeit, ihre
Torheit, ihre Grausamkeit sehen und unter ihnen leiden. Wenn vor fünfzig Jahren der reiche und müßige
und der arbeitende,
unwissende Mensch beide gleich überzeugt waren, dass ihre Lage des
ewigen Feiertags für die einen und der ewigen Arbeit für die
anderen
von Gott selbst bestimmt war, so findet man heute nicht nur in Europa,
sondern auch in Russland, dank der Hinundherbewegung der
Bevölkerung,
der Ausbreitung der Bildung, unter Reichen und Armen kaum noch
Menschen, in der nicht von einer oder anderer Seite der Zweifel an der
Gerechtigkeit einer solchen Ordnung hineingetragen worden wäre.
Nicht
nur die Reichen wissen, dass sie allein dadurch, dass sie reich sind,
eine Schuld tragen, und bemühen sich, wie sie früher ihre
Sünde durch
Opfer für die Kirche sühnten, sie durch Opfer für die
Wissenschaft und
Kunst zu sühnen, sondern auch die größere Hälfte
des arbeitenden Volkes
erkennt heute die bestehende Ordnung geradezu für lügenhaft
und der
Vernichtung oder Veränderung bedürftig an. Die einen, die
religiösen
Menschen, von denen es bei uns in Russland Millionen gibt, die
sogenannten Sektierer, erkennen sie für lügenhaft an auf
Grund
sozialistischer, kommunistischer, anarchistischer Theorien, die heute
schon in die tiefsten Schichten des arbeitenden Volkes eingedrungen
sind. Die Gewalt hält sich heute nicht mehr dadurch, dass sie
für
notwendig angesehen wird, sondern nur dadurch, dass sie von alters her
besteht und von den Leuten, denen sie Vorteil bringt, das heisst
von
den Regierungen und den herrschenden Klaassen, so organisiert ist, dass
die Menschen, die sich unter ihrer Macht befinden, sich ihr nicht
entwinden können. Die Regierungen, alle Regierungen, die
despotischen
wie die liberalen, sind in unserer Zeit zu dem geworden, was Alexander
Herzen (russischer Philosoph, Schriftsteller und Anarchist, 1812 - 870)
so treffend einen Dschingis-Khan mit Telegraphen nennet, das heisst
Organisationen mit Gewalt, die lediglich auf der gröbsten
Willkür
beruhen und sich gleichzeitig all der Mittel bedienen, die die
Wissenschaft zu einer gemeinsamen, gesellschaftlichen, friedlichen
Tätigkeit freier und gleichberechtigter Menschen hervorgebracht
hat,
und die sie zur Knechtung und Unterdrückung der Menschen anwenden. Das erste, älteste Mittel ist das Mittel der
Einschüchterung. Das
Mittel besteht darin, die bestehende Staatsordnung (wie sie auch immer
sei, eine freie republikanische oder auch die größte
despotische) als
etwas Heiliges und Unveränderliches hinzustellen und daher jeden
Versuch, sie zu verändern, mit den furchtbarsten Strafen zu
belegen.
Dieses Mittel ist früher angewendet worden und wird auch heute
noch
unverändert überall angewendet, wo es Regierungen gibt: in
Russland
gegen die sogenannten Nihilisten, in Amerika gegen die Anarchisten, in
Frankreich gegen die Imperialisten, Monarchisten, Communards und
Anarchisten. Eisenbahnen, Telegraphen, Telefone, die Fotografie und die
vervollkommnete Methode, Menschen zu töten, auf immer in die
Einsamkeit
des Gefängnisses zu verstoßen, wo sie vor Menschen verborgen
zu Grunde
gehen und vergessen werden, und viele andere neue Erfindungen, die mehr
als alle anderen von den Regierungen ausgenützt werden, geben
ihnen
eine solche Kraft, dass, ist erst einmal die Macht in bestimmte
Hände
gekommen und arbeiten die offene und geheime Polizei, die Verwaltung
und aller Art Staatsanwälte, Gefängniswärter und Henker
pflichteifrig,
keine Möglichkeit vorhanden ist, die Regierung zu stürzen,
sei sie auch
noch so unvernünftig und grausam. Das zweite Mittel ist das Mittel der Bestechung. Es besteht
darin,
dem arbeitenden Volke durch Geldsteuern seine Reichtümer zu nehmen
und
diese Reichtümer unter die Beamten zu verteilen, die für
diese
Entschädigung verpflichtet sind, die Knechtung des Volkes aufrecht
zu
erhalten und zu verstärken. Diese bestochenen Beamten, von den höchsten Ministern bis
herab zu
den niedrigsten Schreibern, bilden ein unzerreißbares Netz von
Menschen, die durch ein und dasselbe Interesse verbunden sind, durch
das Interesse, von der Arbeit des Volkes zu leben. Sie bereichern sich
um so mehr, je gehorsamer sie den Willen der Regierung erfüllen,
stets
und überall, vor keinem Mittel zurückscheuen, in allen
Zweigen der
Tätigkeit durch Wort und Tat die Regierungsgewalt ausüben,
auf der auch
ihr Wohlstand beruht. Das dritte Mittel ist, was ich am besten als Hypnotisierung
des
Volkes bezeichne. Das Mittel besteht darin, die geistige Entwicklung
des Menschen zu hemmen und durch verschiedene Suggestionen, sie in der
von der Menschheit bereits durchlebten Lebensauffassung zu erhalten,
auf der die Macht der Regierungen sich aufbaut. Diese Hypnotisierung
ist im gegenwärtigen Augenblick auf die komplizierteste Weise
organisiert. Sie beginnt ihre Einwirkung im Kindesalter und lässt
sie
bis in den Tod fortdauern. Diese Hypnotisierung beginnt von der
frühesten Jugend in den absichtlich dazu eingerichteten
Pflichtschulen3,
wo man den Kindern Weltanschauungen beibringt, die ihren Vorfahren
eigen waren und die der gegenwärtigen Erkenntnis der Menschheit
schnurstracks widersprechen. In Ländern, die eine Staatsreligion
haben,
bringt man den Kindern die unsinnigsten Lästerrungen der
kirchlichen
Katechismen bei und zeigt ihnen die Notwendigkeit, den Behörden zu
gehorchen. In den republikanischen Staaten lehrt man sie den
großen
Aberglauben des Patriotismus (Vaterlandsliebe) und dieselbe
vermeintliche Verpflichtung zum Gehorsam gegen die Regierung. 3In diesem
Zusammhang sei darauf hingewiesen, dass Tolstoi selber eigene Schulen
nach dem Vorbild des französisch-schweizerischen Pädagogen,
Schrifstellers, Philosophen und einem der wichtigsten geistigen
Wegbereiter der Französichen Revolution, Jean Jacques Rousseaus,
gründete. In seiner eigenen Schule gab es keine Noten, kein
Sitzenbleiben, keine Strafen, keine Hausaufgaben und keine Sitzordnung.
Da die zaristische Verwaltung offenbar Angst vor dem Erfolg dieser
Schulen hatte, wurden sie 1863 von der Polizei geschlossen. Leo
Tolstoi: "Wenn
ich eine Schule betrete und diese Menge zerlumpter, schmutziger,
ausgemergelter Kinder mit ihren leuchtenden Augen sehe, befällt
mich
Unruhe und Entsetzen, ähnlich wie ich es mehrmals beim Anblick
Ertrinkender empfand. Großer Gott, wie kann ich sie nur
herausziehen?
wen zuerst, wen später? Ich will Bildung für das Volk einzig
und
allein, um die dort ertrinkenden Puschkin's (russischer Literat),
Lomonosow's (russischer Universalgelehrter)... zu retten. Und es
wimmelt
von ihnen an jeder Schule." In den späteren Jahren dauert die Einwirkung der Hypnose
durch die
Beförderung des Aberglaubens der Religionen und des Patriotismus
auf
die Menschen fort. Der Aberglaube der Religionen wird gefördert
durch
den Bau der Kirchen, durch die Abhaltung von Prozessionen, durch die
Aufrichtung von Denkmälern, durch die Feier von Festen für
die von dem
Volk gesammelten Mittel mit Hilfe der Malerei, der Baukunst, der Musik,
mit Hilfe von Wohlgerüchen, die das Volk betäuben, und ganz
besonders
durch die Unterhaltung der sogenannten Geistlichkeit, deren Pflicht
darin besteht, durch ihre Ermahnungen, durch das Pathos der Lithurgie,
der Predigten, durch ihre Einmischung in das Privatleben der Menschen,
bei Geburten, Eheschließungen, Todesfällen, die Menschen zu
benebeln
und sie in einem ununterbrochenen Zustand der Betäubung zu halten. Das vierte Mittel besteht darin, mit Hilfe der drei vorher
genannten
Mittel aus der Zahl aller auf diese Weise in einen bestimmten Kreis
gebannten und betäubten Menschen noch einen gewissen Teil
auszuscheiden, um diese Menschen besonders, gesteigerter Methoden der
Betäubung und Vertierung zu unterwerfen, aus ihnen willenlose
Werkzeuge
aller der Grausamkeiten und Rohheiten zu machen, die der Regierung
belieben (in blindem Gehorsam folgen). Diese Betäubung und
Vertierung
wird dadurch erreicht, dass man diese Menschen im jugendlichen Alter,
indem noch keine klaren Begriffe von Sittlichkeit sich in ihnen
ausgebildet haben, von allen natürlichen menschlichen
Vorbedingungen
des Lebens: dem Hause, der Familie, der vernünftigen Arbeit
loslöst,
sie in Kasernen zusammenpfercht, sie in eine besondere Kleidung steckt
und sie unter dem Eindruck von Rufen, Trommeln, Musik, glänzenden
Gegenständen täglich zwingt, bestimmte zu diesem Zweck
ersonnene
Bewegungen zu machen und sie durch diese Mittel in einen solchen
Zustand der Hypnose bringt, dass sie aufhören, Menschen zu sein,
und
gedankenlose, gehorsame Werkzeuge in der Hand des Hypnotiseurs werden.
Diese Hypnotisierung physisch kräftiger junger Männer,
ausgerüstet mit
Mordwerkzeugen, stets gehorsam der Macht der Regierungen und auf ihren
Befehl zu jeder Gewalttat bereit, bilden das vierte und wesentlichste
Mittel der Knechtung der Menschen. Mit diesem Mittel ist der Kreis der
Gewalt geschlossen. Die vier Instrumente der Gewalt sind also
Einschüchterung,
Bestechung, Hypnose und willige Terrorgehilfen. Die Regierungen bringen
die Menschen dazu, dass sie zu den Soldaten gehen. Die Soldaten
wiederum geben die Macht und die Möglichkeit, über die
Menschen Strafen
zu verhängen, sie auszubeuten (indem man zugleich für ihr
Geld die
Beamten besticht), sie zu hypnotisieren und sie zu eben den Soldaten
anzuwerben, welche die Macht geben, all dies zu tun. Der Kreis ist
geschlossen, und es gibt keine Nöglichkeit, sich mit Gewalt aus
ihm
herauszureißen. Wollte man selbst zugeben, dass infolge besonderer für
die Regierungen ungünstiger Umstände, wie zum Beispiel in
Frankreich im Jahre 18704
, irgendeine Regierung gewaltsam gestürzt wäre und die Macht
in andere
Hände überginge, so wäre doch diese neue Macht in keinem
Falle weniger
bedrückend als die frühere. Sie wird vielmehr stes, um sich
gegen alle
wütenden, gestürzten Feinde zu verteidigen, noch despotischer
und
grausamer sein als die frühere, wie es auch wirklich bei der
Revolution
gewesen ist. 4Die dritte
französiche
Republik wurde am 4. September 1870 ausgerufen, zwei Tage nach der
französischen Niederlage bei Sedan, welche den
Deutsch-französischen Krieg beendete. Die Ausrufung besiegelte
den Untergang Napoleons III., der seit 1851 als französischer
Kaiser regiert hatte und bei Sedan in deutsche Kriegsgefangenschaft
geraten war. Im Zuge der Ereignisse der Französischen Revolution
1789 wurde die mehr als 1.200 Jahre währende Monarchie
gestürzt. Es begann eine Periode des Umbruchs, in der wechselnd
republikanische, napoleonisch-imperiale und monarchistische
Staatsformen herrschten. Seit der Niederlage Napoleons III. im Jahre
1870 ist Frankreich eine Republik. Halten die Sozialisten und Kommunisten die individuelle
kapitalistische Ordnung der Gesellschaft für ein Übel, so
halten die
Anarchisten die Regierungen selbst für ein Übel, das heisst,
die
Monarchisten, Konservativen, Kapitalisten, die die sozialistische
Ordnung und die Anarchie für ein Übel halten. Und alle diese
Parteien
haben kein anderes Mittel, die Menschen zu einigen, als die Gewalt.
Welche von diesen Parteien auch siegte, um ihre Ordnung in das Leben
einzuführen und um ihre Macht zu halten, müsste sie nicht nur
alle
bestehenden Mittel der Gewalt anwenden, sondern noch neue finden. Geknechtet werden andere Menschen sein, und man wird die
Menschen zu
anderen Dingen zwingen, aber es wird nicht bloß dieselbe, es wird
eine
grausamere Gewalt und Knechtung sein, denn infolge des Kampfes wird der
Hass der Menschen gegeneinander wachsen. Mit ihm werden die Mittel der
Knechtung stärker werden und sich neue entwickeln. So war es auch
nach
allen Revolutionen, nach allen Versuchen einer Empörung, nach
allen
Verschwörungen, nach allen gewaltsamen Veränderungen der
Regierungen.
Jeder Kampf verstärkt die Mittel der Knechtung der Menschen, die
sich
im gegebenen Augenblick in der Macht befinden. Die Lage der Menschen unserer christlichen Welt und besonders
ihre
verbreitetsten Ideale beweisen dies mit überraschender
Überzeugungskraft. Es ist jetzt nur ein Gebiet menschlicher
Wirksamkeit
übrig, das nicht von der Regierungsgewalt erobert ist. Das Gebiet
der
Familie, der Wirtschaft, das Gebiet des Privatlebens und der Arbeit.
Und dieses Gebiet wird jetzt, dank den Kämpfen der Kommunisten und
Sozialisten, allmählich von den Regierungen verändert, so
dass Arbeit
und Ruhe, Wohnung, Kleidung und Speise der Menschen, wenn nur die
Wünsche der Reformatoren in Erfüllung gehen, allmählich
von den
Regierungen bestimmt und geordnet werden wird.
Der ganz lange achtzehnhundertjährige Lebensgang der
christlichen
Völker hat sie unvermeidlich wieder zu der von ihnen umgangenen
Notwendigkeit der Lösung der Frage geführt, ob sie die Lehre
Christi
und die aus ihr für das Gemeinschaftsleben entspringende
Lösung der
Frage über das Widerstreben und Nicht-Widerstreben annehmen wollen
oder
nicht. Mit dem Unterschied jedoch, dass die Menschen früher die
vom
Christentum gegebene Lösung annehmen oder nicht annehmen konnten,
diese
Lösung jetzt aber unvermeidlich geworden ist, weil sie allein sie
aus
der Knechtschaft befreit, in der sie sich selbst wie in ein Netz
verstrickt haben. Aber nicht bloss die Notlage der Menschen bringt sie zu dieser
Notwendigkeit. Neben dem negativen Beweis der Lügenhaftigkeit der
heidnischen Ordnung ging auch der positive Beweis der Wahrhaftigkeit
der christlichen Lehre einher. Nicht umsonst haben im Verlaufe von
achtzehn Jahrhunderten, die besten Männer der gesamten
christlichen
Menschheit, nachdem sie auf dem inneren geistigen Wege die Wahrheiten
der Lehre erkannt haben, vor den Menschen Zeugnis für sie
abgelegt,
ungeachtet aller Drohungen, Freiheitsberaubungen, aller Not und Qual.
Die besten Menschen haben durch ihr Martyrium die Wahrheit der Lehre
besiegelt und sie den Massen überliefert. Das Christentum ist in das Bewusstsein der Menschen nicht
bloß auf
dem negativen Wege des Beweises der Unmöglichkeit einer
Fortführung des
heidnischen Lebens eingedrungen, sondern auch durch seine
Vereinfachung, Klärung und Befreiung von dem Aberglauben, der sich
ihm
beigemengt hatte, und durch die Verbreitung unter allen Schichten des
Volkes. Die achtzehn Jahrhunderte der Bekennung des Christentums sind
nicht
vergeblich für die Menschen vorübergegangen, die es, wenn
auch nur auf
äußere Weise, angenommen hat. Diese achtzehn Jahrhunderte
haben dahin
geführt, dass die Menschen, während sie fortfahren, ihr
heidnisches
Leben zu leben, das dem Lebensalter der Menschheit nicht entspricht,
nicht nur die ganze Notlage des Zustandes schon deutlich sehen, in dem
sie sich befinden, sondern im tiefsten Herzen glauben (sie leben auch
nur, weil sie das glauben), dass die Erlösung aus diesem Zustande
nur
in der Erfüllung der christlichen Lehre in ihrer wahren Bedeutung
liegt. Wie und wann diese Erlösung sich vollziehen wird,
darüber denken
alle Menschen verschieden, je nach ihrer geistigen Entwicklung und nach
dem gewohnten Vorurteil ihres Kreises. Aber jeder Mensch unserer
Sphäre
erkennt an, dass unsere Erlösung in der Erfüllung der
christlichen
Lehre liegt. Das Christentum konnte, wie auch sein Meister gesagt hat, für die Mehrzahl der Menschen, sich nicht sofort verwirklichen, es musste wie ein ungeheurer Baum aus einem kleinen Keim hervorwachsen. Uund so wuchs es und steht, wenn auch nicht in der Wirklichkeit, so doch in dem Bewusstsein der Menschen unserer Zeit da. Heute erkennt nicht bloss die Minderheit der Menschen, die stets das Christentum auf innerliche Weise aufgefasst hat, es in seiner wahren Bedeutung an, sondern jene ganz große Mehrzahl der Menschen, die nach ihrem gesellschaftlichen Leben dem Christentum so fern zu stehen scheinen. Betrachtet das Privatleben der einzelnen Menschen, lauschet auf die Beurteilung der Handlungen, die die Menschen übereinander fällen, höret nicht nur die öffentlichen Predigten und Reden an, sondern die Unterweisungen, die Eltern und Erzieher ihren Zöglingen geben, und ihr werdet sehen, wie weit auch das staatliche, gesellschaftliche, an die Gewalt geknüpfte Leben der Menschen von der Verwirklichung der christlichen Lehren im Privatleben entfernt ist. Als gut werden von allen und für alle ohne Ausnahme und unstreitig nur die christlichen Tugenden angesehen, als schlecht von allen und für alle ohne Ausnahme und unstreitig die christlichen Laster. Als die besten Menschen werden die angesehen, die voll Entsagung ihr Leben dem Dienste der Menschheit weihen und sich für andere opfern. Als die schlechtesten werden die angesehen, die voll Ichsucht zu ihrem persönlichen Vorteile die Not der Menschen ausbeuten. Wenn noch einige vom Christentum unberührte Menschen unchristliche Ideale anerkennen: Kraft, Tapferkeit, Reichtum, so sind das Ideale, die ableben und nicht von allen geteilt werden, und die von den Menschen nicht für die besseren gehalten werden. Ideale, die von allen geteilt werden, die stets für alle als verbindlich anerkannt werden, gibt es außer den christlichen nicht. Die Lage unserer christlichen Menschheit ist, wenn man sie von außen betrachtet, mit ihrer Grausamkeit und ihrer Knechtung der Menschen wirklich entsetzlich. Wenn man sie aber von der Seite der inneren Überzeugung betrachtet, bietet sie ein durchaus anderes Schauspiel. Alles Übel unseres Lebens besteht gleichsam nur, weil es von alters her geübt wurde, und die Menschen, die es üben, noch keine Zeit gefunden haben, noch nicht gelernt haben, anders zu handeln. Sie alle aber haben den Wunsch, anders zu handeln. Alles Übel besteht aus einer anderen, gewissermaßen von dem Bewusstsein der Menschen unanhängigen Ursache. So seltsam und so widerspruchsvoll es erscheinen mag, alle Menschen unserer Zeit hassen die Ordnung der Dinge, die sie selbst aufrecht erhalten. Max Müller, glaube ich, erzählt von der Verwunderung eines zum Christentum übergetretenen Inders. Er hatte sich den wesentlichen Inhalt der christlichen Lehre angeeignet, kam nach Europa und sah das Leben der Christen. Dieser Mensch konnte gar nicht zur Ruhe kommen vor Verwunderung über die Wirklichkeit, die durchaus im Widerspruch mit dem war, die er unter den christlichen Völkern zu finden erwartet hatte. Wenn wir uns nicht verwundern über den Widerspruch zwischen unserem Glauben, unseren Überzeugungen und unseren Handlungen, so kommt das nur daher, dass die Einflüsse, die diesen Widerspruch den Menschen verbergen, auch auf uns einwirken. Man braucht nur unser Leben unter dem Gesichtspunkt dieses Inders zu betrachten, der das Christentum in seinem wahren Sinne aufgefasst hatte, ohne alle Zugeständnisse, ohne Anpassung, ohne die rohen Grausamkeiten, von denen unser Leben voll ist, um vor den Widersprüchen zu schaudern, die uns rings umgeben, oft ohne das wir sie bemerken. Man braucht nur an die Kriegsvorbereitungen, an die Kartätschen (Munition), an die Kanonenkugeln, an die Torpedos und an - das Rote Kreuz zu denken, an den Bau von Gefängnissen mit Einzelzellen, an die Erfahrungen der elektrischen Hinrichtungen und - die Bemühungen der Wohlfahrt der Gefangenen, an die philanthropische (menschenfreundliche) Tätigkeit der Reichen und an ihr Leben, das die Armen erzeugt, denen sie ihre Wohltaten angedeihen lassen. Und diese Widersprüche kommen nicht, wie es scheinen könnte, daher, dass die Menschen Christen zu sein heucheln, während sie Heiden sind, sondern im Gegenteil daher, dass den Menschen etwas fehlt, oder dass es eine Kraft gibt, die sie hindert, das zu sein, was sie in ihrem Bewusstsein zu sein glauben und was sie wirklich sein wollen. Die Menschen unserer Zeit heucheln nicht, wenn sie sagen, sie hassen die Unterdrückung, die Ungleichheit, die Klasseneinteilung der Menschen und jeglicher Grausamkeit nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Tiere. Sie hassen wirklich alles dies, sie wissen bloß nicht, wie sie es aus der Welt schaffen können. Oder sie können sich nicht entschließen, sich von dem zu trennen, was all dies aufrecht erhält und ihnen unentbehrlich erscheint. Fragt man jeden einzelnen Menschen unserer Zeit, ob er es nicht als lohnenswert, sondern nur eines Menschen unserer Zeit für würdig hält, sich damit zu beschäftigen, gegen Empfang eines für seine Mühe unverhältnismäßigen Gehalts von dem Volk, von dem häufig bettelarmen Volk, Steuern zu erheben, um für dieses Geld Kanonen, Torpedos und Mordwerkzeuge für die Menschen herzustellen, mit denen wir in Frieden zu leben wünschen und die dasselbe wollen in Bezug auf uns. Oder sich damit zu beschäftigen, wiederum für Gehalt sein ganzes Leben der Herstellung dieser Modwerkzeuge zu widmen. Oder sich selbst auf diesen Mord vorzubereiten und andere Menschen darauf vorzubereiten. Und fragt, ob es löblich ist, ob es eines Menschen würdig ist, ob es eines Christen angemessen ist, sich damit zu beschäftigen, um wiederum unglückliche, verirrte, meist gänzlich unwissende, betrunkene Menschen einzufangen, weil sie sich fremdes Eigentum in viel geringerem Maße aneignen, als wir uns aneignen, und Menschen töten, nicht wie wir gewohnt sind, das zu tun, und sie dafür ins Gefängnis werfen, zu quälen und zu töten? Und ist es löblich, ist es eines Menschen und Christen würdig, wiederum für Geld, dem Volke anstatt das Christentum mit Bewusstsein törichten und schädlichen Aberglauben zu predigen? Und ist es löblich, ist es eines Menschen würdig, dem Nächsten zu eigener Lust zu nehmen, was ihm zur Befriedigung der notwendigsten Bedüfnisse unentbehrlich ist, wie dies die großen Grundbesitzer tun, oder ihn, zur Vergrößerung der eigenen Reichtümer zu zwingen, eine seine Kräfte übersteigende, sein Leben vernichtende Arbeit zu leisten, wie dies die Unternehmer, die Fabrikanten tun. Oder die Not der Menschen auszunützen zur Vergrößerung der eigenen Reichtümer, wie es die Kaufleute tun? Und jeder einzelne, besonders wenn der eine vom anderen sprechen wird, wird die Antwort geben: Nein. Und doch geht derselbe Mensch, der die ganze Scheußlichkeit dieser Handlungen einsieht, von niemandem gezwungen, bisweilen sogar ohne den Geldvorteil des Gehalts, aus kindischer Eitelkeit, gelockt von einem Firlefanz, von einem Bändchen, von einem Hosenstreifen , den man ihn zu tragen gestattet, von selbst und freiwillig in den Kriegsdienst, wird Untersuchungsrichter, Friedensrichter, Minister, Kommissar, Priester, Diakon, übernimmt Ämter, die ihn nötigen, all die Dinge zu tun, deren Erbärmlichkeit und Scheußlichkeit erkennen muss. Ich weiß, viele von diesen Menschen werden mit Stolz behaupten, sie halten ihre Stellung nicht nur für berechtigt, sondern für nötig. Sie werden zu ihrer Verteidigung anführen, die Gewalt sei von Gott und die Staatsämter seien für das Wohl der Menschheit notwendig. Der Reichtum widerspreche nicht dem Christentum, der reiche Jüngling solle, nach dem Evangelium, seinen Besitz nur abgeben, wenn er vollkommen sein wolle. Die jetzige Verteilung der Reichtümer und der Handel müssten so sein wie sie sind, und seien für alle vorteilhaft und so weiter. Aber so sehr sich auch alle diese Menschen Mühe geben, sich und andere zu täuschen, sie wissen, dass, was sie tun, steht im vollsten Gegensatz zu dem, was sie glauben, um dessentwillen sie leben. Und in der Tiefe ihres Herzens, wenn sie mit ihrem Gewissen allein sind, bereitet es ihnen Scham und Schmerz, an das zu denken, was sie tun, besonders wenn ihnen die Scheußlichkeit ihrer Handlungen gezeigt worden ist. Der Mensch unserer Zeit, bekenne er die Göttlichkeit Christi oder nicht, muss wissen, dass, wenn er in seiner Eigenschaft als Fürst, Minister, Statthalter (stellvertretender Verwalter einer Region), als Aufseher daran teilnimmt, die letzte Kuh einer armen Familie zu verkaufen, um die Steuer zu erhalten, die für Kanonen oder Gehälter oder Pensionen an die schwelgenden Müßiggänger und schädlichen Beamten gezahlt wird. Oder wenn er daran teilnimmt, den Ernährer einer Familie ins Gefängnis zu werfen, weil wir selbst ihn zur Entartung geführt haben, und seine Familie betteln gehen zu lassen. Oder wenn er teilnimmt an den Räubereien und Mordtaten der Kriege oder an der Ausbreitung von götzendienerischem Aberglauben anstatt des Gesetzes Christi; oder darin, eine auf sein Grundstück verirrte Kuh eines Menschen, der kein Grundstück hat, fortzujagen; oder von einem Menschen, der in einer Fabrik arbeitet, für einen zufällig zerstörten Gegenstand Bezahlung zu nehmen; oder das Doppelte zu nehmen für einem Gegenstand von einem armen Menschen, nur weil er in äußerster Not ist. Jeder Mensch unserer Zeit muss wissen, dass alle diese Dinge, scheußlich, schmachvoll sind, und dass er sie nicht tun darf. Alle wissen das. Alle wissen, dass das, was sie tun, schlecht ist, und um nichts in der Welt würden sie es tun, wenn sie den Kräften widerstehen könnten, die ihre Augen für das Verbrecherische ihrer Taten blind machen und sie zu ihrer Ausübung zwingen. An nichts ist der Grad des Widerspruchs, den das Leben der Menschen unserer Zeit erreicht hat, so überraschend sichtbar, wie an der Erscheinung, die das Äußerste und das Mittel und den Ausdruck der Gewalt bildet, wie an der allgemeinen Wehrpflicht. Wir sehen doch nur deshalb, weil der Zustand der allgemeinen Bewaffnung und Wehrpflicht so unmerklich Schritt für Schritt vorwärts gedrungen ist, und weil zu seiner Aufrechterhaltung die Regierungen alle Mittel der Einschüchterung, der Bestechung, der Betäubung, der Vergewaltigung anwenden, die in ihrer Macht sind. Wir sehen doch nur deshalb den schreienden Widerspruch dieses Zustandes mit den christlichen Empfindungen und Gedanken nicht, von denen wirklich alle Menschen unserer Zeit durchdrungen sind. Dieser Widerspruch ist uns so zur Gewohnheit geworden, dass wir die ganze entsetzliche Sinnlosigkeit und Unsittlichkeit der Handlungen, nicht bloß der Menschen, die aus eigenem Antrieb den Beruf des Totschlagses wählen, wie etwas ehrenvolles, sondern auch der Unglücklichen, die sich bereit finden, die Wehrpflicht zu erfüllen, oder auch nur der, die in Ländern, wo die Wehrpflicht nicht eingeführt ist, freiwillig ihre Mühen zur Anwerbung von Soldaten und zu Vorbereitungen zum Morde hingeben, gar nicht mehr sehen. Alle diese Menschen sind ja Christen oder Menschen, die sich zur Humanität und zum Liberalismus bekennen, sie wissen doch, wenn sie diese Handlungen begehen, dass sie Teilnehmer an der persönlichen Wehrpflicht, Vollzieher der sinnlosesten, zwecklosesten, grausamsten Mordtaten werden, und trotz alledem vollziehen sie sie. Aber mehr noch! In Deutschland, in dem Lande, dass die allgemeine Wehrpflicht geschaffen hat, hat der deutsche Reichskanzler Caprivi (1890 - 1894), ausgesprochen, was man bis dahin sorgfältig verschwiegen hat, dass die Menschen, die zu töten sein werden, nicht bloß Ausländer, sondern Einheimische sind, eben die Arbeiter, aus denen die Mehrzahl der Soldaten genommen wird. Und selbst dieses Geständnis hat den Menschen nicht die Augen geöffnet, hat nicht ihr Entsetzen hervorgerufen. Und sie gehen nach wie vor zur Gestellung (Einberufung) und unterverwerfen sich alledem, was von ihnen gefordert wird. Ja, mehr noch: Jüngst hat der deutsche Kaiser noch genauer die Bedeutung und den Beruf des Kriegers erläutert, nachdem er einen Soldaten ausgezeichnet und belohnt, und nachdem er ihm den Dank dafür ausgesprochen hat, dass er einen wehrlosen Gefangenen niedergeschossen hat, der einen Fluchtversuch gemacht hat....* *Anmerkung des Übersetzers: Hier ist ein Stück des Textes fortgelassen. Wir würden, wenn wir es wiedergeben wollten, in Widerstreit mit dem herrschenden Gesetzt geraten. Alle jungen Männer von ganz Europa werden Jahr für Jahr dieser Prüfung unterworfen, und mit wenigen Ausnahmen sagen sich alle von allem los, was für den Menschen heilig ist und sein kann. Alle erklären sich bereit, ihre Brüder, ja ihre Väter auf Befehl des ersten verirrten Menschen zu töten, der in einer bunten Uniform steckt, und fragen nur, wie und wann sie ihn töten sollen. Aber sie sind dazu bereit. Jeder Wilde hat etwas Heiliges, für das er zu leiden bereit ist, für das er sich opfert. Wo aber ist dieses Heilige bei den Menschen unserer Zeit? Man sagt zu ihm: "Komm zu mir in die Knechtschaft, in der du vielleicht sogar deinen leiblichen Vater töten musst." Und er, oft ein sehr gelehrter Mann, der alle Wissenschaften an der Universität durchgemacht hat, beugt stumm seinen Nacken unter das Joch. Man steckt ihn in ein Narrenkleid, man heißt ihn springen, den Körper verrenken, grüßen, töten, er tut gehorsam alles. Und wenn man ihn freilässt, kehrt er munter in das frühere Leben zurück und hält weiter Reden über Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. "Ja, was sollen wir aber tun?" fragen oft mit aufrichtiger Verwunderung die Menschen, "wenn alle sich weigerten, dann ginge es. Aber ich allein würde nur leiden und niemand den geringsten Nutzen bringen." Gewiss, der Mensch der gesellschaftlichen Lebensauffassung kann sich nicht weigern. Der Sinn seines Lebens ist die Wohlfahrt seiner Persönlichkeit. Für seine Person ist es ihm besser, sich zu fügen, und er fügt sich. Was man auch mit ihm vornähme, wie man ihn auch peinigte, wie man ihn auch erniedrigte, er wird sich demütigen, weil er allein nichts erreichen kann. Er hat nicht die Grundlage, die ihm die Kraft gibt, allein der Gewalt Widerstand zu leisten, und sich mit anderen zu vereinigen gestatten ihm die, die ihn lenken, nie. Man sagt oft, die Erfindung der schrecklichen Kriegs- und Mordwerkzeuge wird dem Kriege das Ende bereiten. Der Krieg wird sich selbst vernichten. Das ist nicht wahr. Wie man die Mittel, die Menschen auszurotten, vergrößern kann, so kann man auch die Mittel vergrößern, die die Menschen der gesellschaftlichen Lebensaufassung zum Gehorsam zwingen.. Man schlage sie zu Tausenden, Millionen, man zerreiße sie in Stücke, sie werden doch wie vernunftloses Vieh zur Schlachtbank gehen. Die einen, weil man sie mit Peitschen treibt, die anderen, weil man ihnen dafür gestattet, Bändchen und Hosenstreifen zu tragen, und sie werden sich damit sogar noch brüsten. Und mit dieser Gesellschaft von Menschen, die so betäubt sind, dass sie versprechen, ihre eigenen Eltern zu töten, schwatzen die Männer der Öffentlichkeit: die Konservativen, die Liberalen, die Sozialisten, die Anarchisten darüber, wie man eine vernünftige und sittliche Gesellschaft herstellt. Wie kann man eine vernünftige und sittliche Gesellschaft herstellen aus solchen Menschen? Wie man aus faulen und verkrüppelten Bäumen, man mag sie legen, wie man will, kein Haus bauen kann, so kann man auch aus solchen Menschen keine vernünftige und sittliche Gesellschaft aufrichten. Aus solchen Menschen kann nur eine Herde von Tieren gebildet werden, die von den Rufen und Knuten der Hirten regiert wird. Und so ist es auch. Von der einen Seite sind die Menschen, die sich Christen nennen, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bekennen, zugleich bereit, im Namen der Freiheit zu dem äußersten, knechtischten, niedrigsten Gehorsam, im Namen der Gleichheit zu den schärfsten, sinnlosesten Scheidungen der Menschen nach äußeren Merkmalen, in Höhere und Niedere, in Verbündete und Feinde, und im Namen der Brüderlichkeit sind sie bereit, diese Brüder zu töten*. *Dass bei einigen Völkern, wie bei den Engländern und Amerikanern, die allgemeine Wehrpflicht noch nicht herrscht, obgleich schon Stimmen zu ihren Gunsten laut werden, sondern Werbung und Mietung der Soldaten stattfindet, das ändert nicht im geringsten die knechtische Lage der Bürger im Verhältnis zu ihrer Regierung. Dort muss jeder selbst gehen, töten und getötet werden. Hier muss jeder seine Arbeit hergeben die Totschläger zu mieten und auszurüsten. Der Widerspruch in unserem Bewusstsein und infolgedessen die Not des Lebens haben den äußersten Grad erreicht, über den hinaus es keine Steigerung gibt. Das Leben baut sich auf den Urgrund der Gewalt auf und ist zur Leugnung der Grundlagen gekommen, auf denen es aufgebaut ist. Die Aufrichtung der Gesellschaft auf einem Urgrund der Gewalt, die die Sicherung des Guten der Person, der Familie und der Gesellschaft zum Zwecke hat, hat die Menschen zur vollkommenen Leugnung und Vernichtung dieser Güter geführt. Der erste Teil der Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen an den Menschen und ihren Geschlechtern, die die Lehre Christi nicht angenommen haben. Ihre Nachkommen sind jetzt zu der Notwendigkeit gebracht, die Gerechtigkeit ihres zweiten Teiles zu erfahren. IX. Die Annahme der christlichen
Lebensauffassung befreit die Menschen von den Nöten unseres
heidnischen Lebens. Top
Die Lage der christlichen Völker in unserer Zeit ist eine
ganz so
grausame geblieben, wie sie zu den Zeiten des Heidentums war. In vielen
Beziehungen, besonders in Bezug auf die Knechtung der Menschen, ist sie
sogar grausamer geworden, als sie zur Zeit des Heidentums war. Aber
zwischen der Lage der Menschen in jener und in unserer Zeit herrscht
derselbe Unterschied, wie es für Pflanzen zwischen den letzten
Tagen
des Herbstes und den ersten Tages des Frühlings zu sein pflegt.
Dort in
der Herbstnatur entspricht die äußere Leblosigkeit dem
inneren Zustand
des Hinsterbens. Hier aber, im Frühling steht die
äußere Leblosigkeit
in schärfsten Gegensatz zu dem Zustand der inneren Belebung und
des
Übergangs zu einer neuen Lebensform. Ebenso ist es mit der äußeren Ähnlichkeit des
früheren heidnischen
Lebens mit dem jetzigen. Die Ähnlichkeit ist nur eine
äußere. Der
innere Zustand des Menschen zur Zeit des Heidentums und in unserer Zeit
ist ein durchaus anderer. Dort war der äußere Zustand der
Grausamkeit
und der Knechtschaft der Menschen in voller Übereinstimmung mit
dem
inneren Bewusstsein der Menschen, und jeder Fortschritt
vergrößerte
diese Übereinstimmung. Hier steht der äußere Zustand
der Grausamkeit
und der Knechtschaft in vollem Widerspruch mit dem christlichen
Bewusstsein der Menschen, und jeder Fortschritt vergrößert
nur diesen
Widerspruch. Was vorgeht, sind gewissermaßen unnötige,
unnütze Leiden. Es ist,
wie bei der Geburt. Alles ist bereit für das neue Leben, aber das
neue
Leben erscheint noch immer nicht. Die Lage scheint verzweifelt. Und sie
wäre auch so, wenn dem Menschen und daher auch allen Menschen
nicht die
Möglichkeit einer anderen, höheren Auffassung des Lebens
gegeben wäre,
die ihn sofort von all den Fesseln befreite, die ihn, wie es schien,
unzerreißbar gebunden hielten. Und diese ist die schon vor 1800 Jahren der Menschheit
gewiesene
christliche Lebensauffassung. Der Mensch braucht sich nur diese
Lebensauffassung anzueignen, damit die Ketten von selbst fallen, die
ihn, wie es scheint, unzerreißbar umschmiedet hielten. Und damit
er
sich vollständig frei fühle, so etwa wie sich ein Vogel in
einem rings
umzäunten Kreis frei fühlen würde, wenn er seine
Flügel ausbreitete. Man spricht von der Befreiung der christlichen Kirche vom
Staat. Man
spricht davon, Christen Freiheit zu schenken oder nicht zu schenken. In
diesen Gedanken und Worten liegt ein sonderbares Missverständnis.
Die
Freiheit kann einem Christen oder den Christen nicht geschenkt und
nicht genommen werden. Die Freiheit ist ein unentreißbarer Besitz
der
Christen. Spricht man aber davon, Christen die Freiheit zu geben oder zu
nehmen, so spricht man offenbar nicht von wirklichen Christen, sondern
von Menschen, die sich Christen nennen. Der Christ kann gar nicht
anders, als frei sein, denn die Erreichung des Zieles, das er sich
selbst gesteckt hat, kann durch nichts und niemand verhindert oder auch
nur aufgehalten werden. Der Mensch braucht nur sein Leben so zu begreifen, wie es das
Christentum begreifen lehrt, das heißt begreifen, dass sein Leben
nicht
ihm, nicht seiner Person, seiner Familie oder dem Staate gehört,
sondern dem, der ihn in die Welt geschickt hat. Er muss begreifen, dass
er darum nicht das Gesetz seiner Persönlichkeit, der Familie oder
des
Staates zu erfüllen hat, sondern das durch nichts begrenzte Gesetz
dessen, von dem er ausgegangen ist, um sich nicht bloß ganz frei
zu
fühlen von jeder menschlichen Gewalt, sondern sogar fortan diese
Gewalt
nicht mehr als etwas anzusehen, was imstande wäre, irgendjemandem
Hindernisse zu bereiten. Der Mensch braucht nur zu begreifen, dass das Ziel seines
Lebens,
die Erfüllung des göttlichen Gebots ist, damit dieses Gesetz
für ihn an
die Stelle aller anderen Gesetze trete und sich ihm ganz unterwerfe und
durch diese bloße Unterwerfung alle menschlichen Gesetze in
seinen
Augen aller ihrer Verbindlichkeiten und Beschränkungskraft beraubt. Der Christ befreit sich von jeglicher menschlicher Gewalt
dadurch,
dass er für sein und anderer Leben das göttliche Gesetz der
Liebe, dass
in die Seele jedes Menschen gelegt und durch Christus zum Bewusstsein
gebracht worden ist, als die einzige Richtschnur des eigenen Lebens und
des Lebens anderer Menschen anerkennt. Der Christ kann sich äußerer Gewalt fügen. Er
kann der körperlichen
Freiheit beraubt werden. Er kann nicht frei sein von seinen
Leidenschaften (wer Sünde tut, ist ein Knecht der Sünde),
aber er kann
nicht unfrei sein in dem Sinne, dass er durch irgendeine Gefahr, durch
irgendeine äußere Drohung gezwungen werden könnte, eine
Handlung
auszuüben, die gegen sein Bewusstsein ist. Er kann darum nicht
dazu
gezwungen werden, weil die Entbehrungen und Leiden, die von der Gewalt
erzeugt sind, und die eine mächtige Waffe gegen die Menschen der
gesellschaftlichen Lebensauffassung bilden, für ihn keinerlei
zwingende
Kraft haben. Entbehrungen und Leiden, die den Menschen der
gesellschaftlichen Auffassung das Glück rauben, für das sie
leben,
können nicht nur das Glück der Christen nicht berühren,
das in dem
Bewusstsein der Erfüllung des göttlichen Willens besteht, sie
können es
nur erhöhen, wenn sie ihn für die Erfüllung dieses
Willens treffen. Mann konnte sich bei der heidnischen Weltanschauung verpflichten, den Willen weltlicher Macht zu erfüllen, ohne den Willen Gottes anzutasten, den man bei der Beschneidung, im Sabbath halten5, in den Gebeten zu bestimmten Stunden, in der Enthaltung von bestimmten Speisen und so weiter sah. Das eine widersprach dem anderen nicht. Aber darin eben unterscheidet sich das christliche Bekenntnis von dem heidnischen, dass es von den Menschen keine negativen äußeren Handlungen verlangte, sondern dass es ihn in ein anderes, früher nie gekanntes Verhältnis zu den Menschen setzt, aus dem die verschiedenartigsten, vorher nicht bestimmten Handlungen entspringen können. Und daher kann der Christ nicht nur nicht versprechen, irdendeines anderen Willen zu erfüllen, ohne zu wissen, worin die Forderungen dieses Willens bestehen werden. Er kann nicht nur den wechselnden menschlichen Gesetzen nicht gehorchen, sondern es kann nicht einmal irgendetwas Bestimmtes zu einer bestimmten Stunde tun oder von irgend etwas in einer bestimmten Zeit zu enthalten versprechen, weil er nicht wissen kann, was und zu welcher Stunde jenes Gesetz der christlichen Liebe fordern wird, dem zu gehorchen, der der Sinn seines Lebens ist. Ein Christ, der sich verpflichtet, von vornherein bedingungslos Gesetze der Menschen zu erfüllen, würde durch dieses bloße Versprechen zu erkennen geben, dass das innere göttliche Gesetz für ihn nicht mehr das einzige Gesetz seines Lebens ist. 5Der Sabbat erinnert an das Ruhen Gottes am siebten Tag der Schöpfungswoche. Er wird von den Juden als Feiertag angesehen, an dem bestimmte Vorschriften gelten. Bis heute wird aufgrund des Talmud bestimmt, welche Tätigkeiten am Sabbath als „Arbeit“ anzusehen sind. Darum ist es zum Beispiel verboten, am Sabbath Feuer anzuzünden, eine Arbeit zu verrichten, für die irgendein Werkzeug gebraucht wird, oder zu schreiben. Es ist außerdem verboten, am Sabbat etwas zu kaufen oder zu verkaufen, oder Geld auch nur zu berühren. Als Arbeiten, die am Sabbat nicht getan werden sollten, gelten im Talmud alle Tätigkeiten, die mit der Erwerbsarbeit oder mit Geldverdienen zu tun haben. Liberale Juden schreiben also am Sabbat, wenn es zur Freizeitgestaltung gehört, aber nicht beruflich. Sie benutzen auch das Auto oder die Bahn nicht, um zum Beispiel zum Gottesdienst zu fahren. Auch liberale Juden tätigen am Sabbat soweit irgend möglich keine Einkäufe. (Quelle: Sabbath) Ein Christ, der sich verpflichtet, Menschen oder menschlichen Gesetzen zu gehorchen, tut dasselbe, was ein Arbeiter tut, der sich einem Heeren verdingt, und der gleichzeitig versprechen wollte, alles zu tun, was ihm noch fremde Herren befehlen. Man kann nicht zwei Herren dienen. Der Christ befreit sich von der menschlichen Macht dadurch, dass er über sich nur die Macht Gottes anerkennt, deren Gesetze, ihm von Christus offenbart, er in sich selbst fühlt und denen allein er sich unterordnet. Und diese Befreiung vollzieht sich nicht mittels des Kampfes, nicht durch die Aufhebung der bestehenden Lebensformen, sondern nur durch die Veränderung der Auffassung des Lebens. Die Befreiung vollzieht sich infolge dessen, dass erstens der Christ das Gesetz der Liebe, dass ihm von seinem Meister offenbart ist als vollständig genügend für menschliche Verhältnisse anerkennt, und daher jegliche Gewalt für überflüssig und ungesetzlich hält. Zweitens infolge dessen, dass die Entbehrungen, Leiden und Androhungen von Entbehrungen, durch welche der gesellschaftliche Mensch zu der Notwendigkeit des Gehorsams gebracht wird, für den Christen bei seiner abweichenden Lebensauffassung sich nur als unvermeidliche Bedingungen des Daseins darstellen, die er, ohne mit Gewalt gegen sie anzukämpfen, geduldig erträgt, wie Krankheiten, Hunger und jede andere Not, die aber keineswegs die Richtschnur seiner Handlungen sein können. Die Richtschnur der Handlungen des Christen ist nur der in ihm lebende göttliche Ursprung, der durch nichts beschränkt oder gelenkt werden kann. Der Christ handelt nach dem Worte der Prophezeiung, das von seinem Meister gesagt war: "Er wird nicht zanken, noch schreien, und man wird sein Geschrei nicht hören auf den Gassen. Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis dass er ausführt das Gericht zum Siege (Matthäus 12,19-20). Der Christ streitet mit niemand, fällt über niemand her, wendet gegen niemand Gewalt an. Im Gegenteil, er erträgt widerspruchslos die Gewalt. Aber eben durch dieses Verhältnis befreit er nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt von jeder äußeren Macht. "Erkennet die Wahrheit, und die Wahrheit wird euch frei machen." Gäbe es Zweifel daran, dass das Christentum die Wahrheit ist, so würde diese volle Freiheit, die durch nichts beschränkt werden kann, die der Mensch genießt, sobald er sich die christliche Lebensauffassung aneignet, der unzweifelhafte Beweis seiner Wahrhaftigkeit sein. Die Menschen in ihrer gegenwärtigen Lage gleichen Bienen, die sich vom Stocke losgelöst haben und in einem Haufen an einem Zweige hängen. Die Lage der Bienen am Zweige ist eine vorübergehende und muss unbedi |